Einer der ersten Mischzüge auf der U6.

Zeitreise: Kinder der 90er-Jahre und ihre Öffis

Die 90er-Jahre sind das Jahrzehnt der großen Umwälzungen: Am Beginn stehen die deutsche Wiedervereinigung, der Zusammenbruch des Kommunismus oder das Ende der Apartheid in Südafrika, am Ende der Siegeszug von Handy und Internet oder die geplatzte Dotcom-Blase.

Die 90er waren die Jahre des Umbruchs vom Analogen ins Digitale. Wir Kinder der 90er können uns noch dunkel an die letzten Gemeinschaftsanschlüsse beim Festnetztelefon erinnern, als Schulkinder hatten wir dann schon eigene Handys. Unsere Gute-Nacht-Geschichten hörten wir als Kleinkinder auf Kassetten, kauften uns vom ersten Taschengeld CDs und füllten als Teenager dank Napster unsere Festplatten mit MP3-Files. Wir konnten unsere Referate und Hausübungen eins zu eins aus dem Internet kopieren, da unsere Lehrer noch nicht wussten, was das ist. In den Öffis haben wir den Bau der U3 erlebt oder das Ende des Doppeldeckerbusses im Jahr 1990. Die Echtzeitanzeige wurde gerade erfunden und die erste Niederflurstraßenbahn war das neueste heiße Ding auf Wiens Straßen.

Einfach warten ohne Echtzeitanzeige, Website oder Routing

Wenn wir wissen wollten, wann die Straßenbahn kommt, mussten wir lange den Fahrplanaushang aus Papier konsultieren. Die ersten Straßenbahnstationen rund um den Reumannplatz und die Quellenstraße erhielten im Jahr 1998 digitale Abfahrtsanzeigen. Die U-Bahn hatte ab 1999 Echtzeitinfos am Bahnsteig. Und seit es die Echtzeitanzeigen gibt, fragen sich Fahrgäste täglich: Warum kommt die U-Bahn manchmal erst in drei Minuten, wenn eine Minute am Display steht?

Vor 20 Jahren wurden die ersten Echtzeitanzeigen rund um den Reumannplatz aufgebaut.
Vor 20 Jahren wurden die ersten Echtzeitanzeigen rund um den Reumannplatz aufgebaut.

Die ersten Versuche mit eigener Website unternahmen die Wiener Linien seit Mitte der 90er-Jahre. Seit 1997 gibt es die Online-Fahrplanauskunft, und unter www.wienerlinien.at erreicht man die Wiener Linien seit 1999. Auf WAP-fähigen Handys war ab Sommer 2000 die elektronische Fahrplanauskunft verfügbar. Willkommen in der Zukunft!

Telefonzellen & Aschenbecher

Die Telefonzelle gehörte fast zur Standardausstattung der U-Bahn-Stationen und war insgesamt in der ganzen Stadt weit verbreitet. Wenn wir sie benutzten, fraßen sie unsere Zehnschilling-Münzen im Rekordtempo. Als dann jeder ein Handy hatte, wurden auch die Telefonzellen immer weniger genutzt. Großteils wurden die ehemaligen Kojen verbaut bzw. befinden sich dort heute Snack- und Getränkeautomaten.

Artikel über den Wunsch nach einem Rauchverbot in den U-Bahnstationen.
Der "Hudriwudri" diente als Aschenbecherfigur und war in so mancher Station zu finden. Der Wunsch nach rauchfreien Stationen war schon Mitte der 90er da.

Aus heutiger Sicht auch fast unvorstellbar ist, dass bis weit in die 2000er-Jahre hinein Aschenbecher in den U-Bahn-Stationen standen. Einige verzierte die rauchende „Hudriwudri“-Figur. Sie stammt vom Karikaturisten Manfred Deix. Dem immer strengeren Tabakgesetz, das das Rauchen in öffentlichen Gebäuden untersagte, wichen schließlich auch die Aschenbecher.

Die alte Karlsplatzpassage

Vor dem großen Umbau zur Kunst- und Kulturpassage war vor allem die Kärntnertorpassage ein bisschen ein verrufener, aber auch ein bunter Ort. In dem unterirdischen Durchgang zwischen Karlsplatz und Oper reihten sich Geschäfte des täglichen Bedarfs aneinander. Die Kärntnertorpassage war so etwas wie der Vorbote der heutigen Bahnhofseinkaufszentren. Eine ORF-Dokumentation aus dem Jahr 1993 bietet einen Einblick in die U-Bahn-Welt der frühen 90er Jahre.

Der Beginn der Niederflur-Ära

Die 90er-Jahre waren auch bei der Straßenbahn ein Jahrzehnt des Umbruchs. Während an manchen Orten der Stadt teilweise noch die klassischen E1-Wägen von den moderner geschnittenen E2-Wägen abgelöst wurden, war schon die erste Generation der ULF-Niederflurstraßenbahnen unterwegs. Im Frühling 1995 gingen die ersten „ULF“ in den Betrieb mit Fahrgästen. Seitdem wurden während eines knappen Vierteljahrhunderts rund 330 ULF für die Wiener Linien gebaut.

Die letzten Hochflurbusse waren bis 2007 in Betrieb.
Die letzten Hochflurbusse waren bis 2007 in Betrieb.

Seit Frühling 1992 sind die ersten Niederflurbusse im Einsatz. Drei Jahre später folgen die ersten Gelenkbusse. Und seit mittlerweile mehr als zehn Jahren sind nur noch barrierefrei zugängliche Fahrzeuge unterwegs. Bei der Straßenbahn wird der "FLEXITY" in den nächsten Jahren die letzten Hochflurmodelle ersetzen.

Nachtbus

Wenn wir die letzte Bim oder die letzte U-Bahn verpassten, dann hieß es: zu Fuß gehen oder Taxi fahren. Eine wahre Revolution im Wiener Nachtleben war deshalb der Start der „Nightline“ in der Nacht vor dem Nationalfeiertag 1995. Auf 22 Linien waren Busse im 30-Minuten-Takt unterwegs und sorgten dafür, dass wir auch nachts mit den Öffis durch die Stadt reisen konnten. Von einer Nacht-U-Bahn, die es mittlerweile seit 2010 gibt, haben wir damals noch geträumt.

Ab dem Jahr 1995 konnten auch Nachtschwärmer mit den Öffis, hier mit der Linie N60, nach Hause fahren.
Ab dem Jahr 1995 konnten auch Nachtschwärmer mit den Öffis, hier mit der Linie N60, nach Hause fahren.

U-Bahn-Ausbau

Die 1990er-Jahre gehörten dem Ausbau der U3. Während neun Jahren wuchs sie vom ersten eröffneten Teilstück zwischen Erdberg und Volkstheater auf die heutige mehr als 13 Kilometer lange Strecke von Ottakring nach Simmering. Gleichzeitig wuchs auch die U6 nach Süden und Norden zu ihren heutigen Endstationen Siebenhirten und Floridsdorf.

Nach einer Bauphase wurde im Jahr 1991 die erste Teilstrecke der U3 eröffnet.
Nach einer Bauphase wurde im Jahr 1991 die erste Teilstrecke der U3 eröffnet.

Weitere Reisen durch die Öffi-Geschichte

Die 1970er Jahre war nicht nur Cordoba, Kottan und Schlaghosen. In Wien wurde das Tor zum U-Bahnzeitalter durch den damaligen Bundespräsidenten Kirchschläger eingeläutet. Hier geht es zur Zeitreise zurück zu Wickie, Slime und Stockbus.

Falco meinte einst "Wer sich an die 80er erinnern kann, hat sie nicht miterlebt" - wir haben es hier dennoch versucht. 

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