Zeitreise: Kinder der 70er-Jahre und ihre Öffis

Zeitreise: Kinder der 70er-Jahre und ihre Öffis

Die 70er Jahre – farbenfroh, individuell und bunt. Das Jahrzehnt zeichnet sich nicht nur durch die schrillen Schlaghosen, orangen Vorhänge und kultige Musik aus. Die 70er spielten nämlich auch einen entscheidenden Teil in der Wiener U-Bahn-Geschichte: ab geht die Zeitreise in das Jahrzehnt, das den Beginn der Wiener U-Bahn einleitete.

Die beiden Autos hatten nichts miteinander zu tun: Gut, sie waren beide rot. Aber abgesehen davon war da nur ein gemeinsamer Nenner: Sie sind zentrale Teile meiner Erinnerung an die 70er. Obwohl nicht einmal ganz klar ist, ob ich sie - die Bilder - damals oder erst später gesehen habe. Egal. Denn für Wienerinnen und Wiener, die sich an das Jahr 1976 noch oder schon erinnern können, war der 1. August der Tag, an dem die Welt aus den Fugen geriet. Zeitig in der Früh stürzte die Reichsbrücke ein. Wenige Stunden später verunglückte Niki Lauda am Nürburgring. Die Reichsbrücke wurde neu errichtet. Der Bus, der auf ihren Trümmern stand, steht heute im Verkehrsmuseum der Wiener Linien. Als Dokument einer Zeit, in der Wien ganz anders und ich ein Kind war: Es gab noch Stockautobusse.

Den Kopf zog ich, wenn ich vom Wienerfeld die Laxenburger Straße hinauf in „die Stadt“ fuhr, lieber ein. Etwa wenn der Stockbus unter einem über die Straße gebauten Haus nur um Millimeter nicht anstreifte. Unten war ich ungern. Da saß nämlich in den 70er Jahren auch der Schaffner. Ein strenger, willkürlicher Herrscher. In meinen Gemeindebau-Volksschulkinderaugen waren Schaffner so mächtig wie die mächtigsten Männer der Welt: Schulwart und Hausbesorger.

Autolos in Wien unterwegs: eine Weltreise

Knapp zuvor - 1969 - hatte der erste Mensch den Mond betreten. Am Mond gab es Hightech - aber auf der Erde nur zwei TV-Kanäle. Wenn die Katze an der Zimmerantenne ankam, verschwand das Bild. Um Mitternacht war Sendeschluss. Nach der Hymne war „Ameisenrennen“: Weißes Rauschen.
Normalsterbliche hatten in Wien Vierteltelefone. Wenn die Nachbarn zu lange plauderten, versuchte man, sie mit Stricknadel-Gestocher in der Telefonsteckdose raus zu schmeißen. Mein Vater war Schuldirektor und galt als „wichtig“: Wir hatten einen „ganzen Anschluss“, nur für uns. Das brachte Privilegien mit sich: Die sechsstellige Telefonnummer etwa. Echt wahr.

Apropos Auto: Die 70er waren die Zeit der Ölkrise. Jedes Auto hatte einen „autofreien Tag“. Nur wenn es stand, nahmen wir den Bus in „die Stadt“. Autolos zur Großmutter - in den achten Bezirk - zu fahren, war eine Weltreise: Der Bus fuhr zum Wasserturm. Dort stiegen wir in den 167er. Auch wenn Nummer und Umsteigeorte falsch sein sollten: Der Geruch von feuchtem Holz, Schmierfett und ungelüfteten Mänteln ist noch da. So wie die Geräusche: Kreischende Räder in ruckelnden Kurven. Das Trittgeräusch des Fahrers vor dem Bimmeln. Sein Fluchen, wenn eine Weiche händisch umzustellen war und Schnee oder Eis sie verlegten.

Die Straßenbahn im Jahr 1971 auf der Favoritenstraße.
Die Straßenbahn im Jahr 1971 auf der Favoritenstraße.

70er: Wien rüstete verkehrstechnisch auf

Straßenbahnfahren im antikem Gerät war körperlich fordernd:  Die - in Längsrichtung - verlegten Holzlamellen am Boden hatte ich beim Einsteigen in Augenhöhe vor mir: Es galt, den Zug über unendlich hohe Stufen zu „erklimmen“. Ich kann mich nicht erinnern, je einen Kinderwagen oder einen Rollstuhl in der Straßenbahn gesehen zu haben.

Aber man verklärt das alles. So wie die unverständlich-verzerrten Stationsansagen und Zurechtweisungen durch die Schaffner. Ein Wort verstand ich akustisch, konnte damit aber nichts anfangen: „Kurzstreckengrenze.“ Was sollte das sein? Öffi-Fahren war einfach nur unbequem und mühsam. Wer würde sich das für eine oder zwei Stationen antun? Da ging man zu Fuß!

In meiner Volksschulzeit war das Zu-Fuß-Gehen normal: Meine Volksschule lag auf halbem Weg von der Laxenburger- zur Favoritenstraße in der Selma-Lagerlöf-Gasse. Heute fährt dort der 17A - aber er kam erst, als ich in der dritten Klasse war. Davor war jeder Tag Wandertag. Doch der 17A war aufregend. Er wurde nur „im Auftrag“ der „Wiener Stadtwerke Verkehrsbetriebe“ betrieben: Die Fahrer trugen selten Uniform - und taten, was sie wollten. Manchmal brauchten wir an der roten Ampel nahe der Haustür, fern jeder Haltestelle, nur zu nicken - und die Tür öffnete sich. Manchmal wollten sie unsere Schülerfreifahrkarten sehen: Lagen die daheim, flogen wir raus - obwohl die Fahrer uns namentlich kannten.

Apropos Fahrscheine: Die holte man aus der Trafik. Stapelweise Einzeltickets, denn es gab keine Jahreskarte. Rosa für Erwachsene, weiß für Kinder. Blau die „Kurzstrecke“. Vielleicht auch anders. Mein Schülerfreifahrtausweis wurde mit einer 50 Schilling-Klebemarke zur Monatsnetzkarte. Die gab es nur am Vorverkaufsschalter - und der hatte unmögliche Öffnungszeiten. Während der Ferien galt sie nicht. Mein AHS-Klassenvorstand machte daraus Klassen- und Standesarroganz: „Lehrlinge, also Arbeiter, müssen zahlen. Immer. Darum lernt gefälligst was.“

Aber für diese Lektion musste ich erst ins Gymnasium kommen. In „die Stadt“. In den ersten Bezirk. Dafür musste Wien sich verändern: Die Stadt musste verkehrstechnisch in der Gegenwart ankommen.

Die Eröffnung des U-Bahn-Zeitalters

Deshalb werde ich den 25. Februar 1978 nie vergessen. Der Satz klingt toll, ist aber eine glatte Lüge: Der 25. Februar ist für mich wichtiger - weil ich da Geburtstag habe. Aber am neunten Geburtstag ist einem Kind die Eröffnung einer U-Bahn  vollkommen egal. Auch wenn es die erste in der Heimatstadt ist.

Dennoch: Am 25. Februar 1978 (lesen Sie dazu unseren Blog zu 40 Jahren U-Bahn in Wien) begann das U-Bahn-Zeitalter. Die U1 wurde eröffnet, vom Karlsplatz zum Reumannplatz. Uns Kindern der Vorstadt wurde das als Sensation präsentiert: Wir wären jetzt in wenigen Minuten „in der Stadt“.

Mit neun Jahren war mir „die Stadt“ herzlich blunzen. Aber: Der 66A fuhr jetzt zum Reumannplatz. Dort war der Tichy, der Eissalon Wiens. Weiter wollte ich nicht. Unsere Volksschullehrerin fabulierte, dass Tunnel gefährlich seien. Dass dort Verbrecher und „Kinderverzahra“ lauern. Weil aber vom Lehrausgang in einer der ersten U-Bahn-Wochen alle wohlbehalten zurückkamen, hinterfragte ich das nicht länger: Ich fand die U-Bahn nämlich super.

Die „Silberpfeile" als Zukunftsboten

Denn ich spürte mehr als ich begriff: Das war wichtig. Etwas war anders. Ich war in Wien angekommen. Mehr noch: Nicht nur „die Stadt“ lag plötzlich nur einen Eismarillenknödel und ein paar Minuten im Tunnel vor der Haustür: Hier ging eine Tür auf. Zu einem Lebensraum. Zu mehr als einem Ort: Zu neuen Möglichkeiten. Da waren Perspektiven. Zukunft. Ich musste bloß die Hand ausstrecken. Oder: Einsteigen.

Die „Silberpfeile“ waren Einladung und Boten meiner Zukunft. Neben Reichsbrückeneinsturz und Laudas Unfall prägte meine 70er nämlich ein drittes Thema: Die erste Folge von „Star Wars“. Prinzessin Leia, Luke Skywalker und Han Solo waren meine Helden - ihre X-Fighter und Uniformen waren silber und orange. Silber und orange war auch die U-Bahn - und gerade weil ich damals noch ein Kind war, war mir eines klar: Das war kein Zufall.

Lesen Sie mehr über die Zeitreise in die Kindheit der Öffis auf dem Blog über die Kinder der 80er Jahre und ihre Öffis.

Die U-Bahn: von den 70er Jahren bis heute ein unabdinglicher Bestandteil Wiens.
Die U-Bahn: von den 70er Jahren bis heute ein unabdinglicher Bestandteil Wiens.
Text von Thomas Rottenberg
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Kommentare (1)

  • Schade, dass die Otto Wagner Stationen entlang der U4 mit diesem 70er Einheitsstil verschandelt worden sind. Man hätte alle Stationen, so wie möglich, im Original halten sollen, wie bei Schönbrunn und Staftpark…

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