Wien ohne U-Bahn ist heute nicht mehr vorstellbar.

40 Jahre U-Bahn in Wien

Eigentlich kaum vorstellbar: Wien ohne U-Bahn! Dabei können sich viele noch genau daran erinnern. Vor gerade einmal 40 Jahren öffnete sich mit der Eröffnung der U1-Strecke Karlsplatz-Reumannplatz die Unterwelt, mehr als 450 Millionen Fahrgäste waren dort im Jahr 2017 jährlich unterwegs. Wir werfen nicht nur einen Blick zurück, sondern schauen auch nach vorn: Denn das Projekt U-Bahn ist noch lange nicht zu Ende.

„Eine U-Bahn ghört her!“ So lautete Ende der 1960er der eindeutige Tenor in Wien. Nicht zum ersten Mal! Bereits zu Kaisers Zeiten wurden U-Bahn-Ideen gewälzt, wohl auch weil die europäischen Metropolen rund um die ehemalige Kaiserstadt den Untergrund bereits für sich entdeckt hatten, wie unser Metropolen-Blog beweist. In Wien tickten die Uhren aber anders. Nach dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs und dem folgenden Ende der Monarchie herrschte Öffi-Planungspause. Der Grund: Immer mehr Menschen drängten damals in die Stadt und so wurden die spärlich vorhandenen Geldmittel in den Wohnbau gesteckt – für das Projekt U-Bahn hieß es also „bitte warten“.

Doch ganz ohne öffentliche Verkehrsmittel mussten die Wienerinnen und Wiener in dieser Zeit natürlich nicht auskommen. K.u.K. Hofplaner Otto Wagner sorgte mit seiner „Stadtbahn“ für die ersten Verbindungen aller Himmelsrichtungen innerhalb Wiens und dem Umland. Kaiser Franz Joseph eröffnete am 9. Mai 1898 das erste Teilstück – damals noch mit Dampflok. 80 Jahre später sollte sich aus genau dieser Stadtbahn samt Stationsgebäuden die heute nicht mehr aus dem Stadtbild wegzudenkende U-Bahn entwickeln. Nur drei Jahre nach der Stadtbahn-Eröffnung fanden die aufsehenerregenden Testfahrten elektrischer Garnituren zwischen Michelbeuern und Heiligenstadt statt. Der Erste Weltkrieg machte diesen Fortschritt wieder zunichte – es sollte bis zum Jahr 1925 dauern, bis die elektrische Stadtbahn in Wien großflächig unterwegs war.

1918 wurde die Stadtbahn noch mit Dampf betrieben.
1918 wurde die Stadtbahn noch mit Dampf betrieben.

Wirtschaftswunder als Öffi-Bremse

Die dramatischen Auswirkungen des Zweiten Weltkriegs spiegelten sich auch in Wiens Öffi-Netz wider: Erst 1954 wurde die letzte, im Krieg zerstörte Stadtbahn-Strecke wieder in Betrieb genommen. Das Wirtschaftswunder in den 1950er und 1960er Jahren geht als nächste Öffi-Bremse in die Geschichte ein. Das Auto als Statussymbol gewann immer mehr an Bedeutung und war das Nummer 1-Fortbewegungsmittel in Richtung goldene Zukunft. Einzig die von Stadtplaner Roland Rainer ausgesprochene Empfehlung des Baus von Unterpflasterstraßenbahnen (Ustrab) wurde umgesetzt. Ende 1963 begannen die Arbeiten für die erste Ustrab entlang der ehemaligen Zweierlinie (Eröffnung 8. Oktober 1966). Die lange Wartezeit hat sich im Nachhinein doch ausgezahlt, denn selbst heute noch sind Teile dieser Ustrab im Öffi-Netz zu finden bzw. werden Abschnitte von der U2 befahren.

1961 waren Busse und Autos noch auf dem Stephansplatz unterwegs.
1961 waren Busse und Autos noch auf dem Stephansplatz unterwegs.

Ein U-Bahn-Netz entsteht

Wiens U-Bahn-Zeitalter wurde schließlich am 26. Jänner 1968 eingeläutet: Mit dem „Grundbeschluss des Wiener Gemeinderates zur Errichtung eines engeren Grundnetzes“ – so das sperrige Beamtendeutsch für den Bau der Linien U1, U2 und U4 – fiel unter Bürgermeister Bruno Marek der offizielle Startschuss für die Bauarbeiten. Und es sollte das aufwendigste kommunale Projekt seit dem Wiederaufbau werden, das das Stadtbild bis heute nachhaltig prägt. Tausende Arbeiter, Ingenieure und Planer aus dem ganzen Land wurden von 1969 bis 1982 beauftragt. Immerhin galt es, Verbindungen unter dem historischen Stadtkern entstehen zu lassen. Dass währenddessen die Stadt an der Oberfläche nicht stillstehen durfte, war bereits damals eine klare Vorgabe.

Bis die ersten Bagger tatsächlich auffuhren, vergingen noch fast zwei Jahre. Nachdem die Concorde ihren Jungfernflug erfolgreich absolvierte, Neil Armstrong und Edwin „Buzz“ Aldrin ihre Spuren am Mond hinterlassen haben und in Woodstock für den Weltfrieden gefeiert und geliebt wurde, übernahmen am 3. November 1969 die Arbeiter offiziell den Karlsplatz, um das Grundnetz (erste Ausbauphase) in Angriff zu nehmen (Blog Meilensteine 1969). Und das unter den wachsamen Augen der – wie kann es anders sein – nicht ganz unkritischen Wiener Bevölkerung: Damit jeder jederzeit ein Auge auf die Arbeiten werfen konnte, wurde eigens eine Aussichtsplattform, die von den Wienerinnen und Wienern liebevoll „Marek-Loge“ genannt wurde, über der Baustelle errichtet. Dauerten die Planungen und Vorbereitungen schier ewig, war ab diesem Moment sprichwörtlich alles auf Schiene.

Maulwürfen gleich bohrten sich Mensch und Maschine durch die städtischen Unterwelt und sorgten für staunende Augen an der Oberfläche. Ohrenbetäubende Sprengungen, tonnenweise Aushubmaterial aber auch meterhohe Kräne und noch nie dagewesene Maschinentransporte wurden in den folgenden Jahren zur Routine. Immerhin galt es, bis spätestens 1978 den U1-Neubau zwischen Reumannplatz und Stephansplatz sowie den Umbau der damaligen Stadtbahnlinie WD (Wiental- und Donaukanal) für die U4-Strecke Friedensbrücke-Karlsplatz fertigzustellen. Ebenfalls im Grundnetz enthalten waren der Ustrab-Um- und U2-Neubau zwischen Karlsplatz und Schottenring (Eröffnung 1980). Die Einhaltung des Zeitplans gelang nicht nur ohne gröbere Verzögerungen oder Zwischenfälle. Nach dem Reichsbrücken-Einsturz 1976 war schnell klar, dass die U1-Verbindung über die Donau bis nach Kagran vorgezogen werden musste (Eröffnung 1982).

Metertiefe Baustelle am Karlsplatz.
Metertiefe Baustelle am Karlsplatz.

U4 überholt U1

Mit Beginn des U4-Probebetriebs auf der adaptierten Stadtbahnlinie WD zwischen Heiligenstadt und Friedensbrücke war die U-Bahn im Alltag der Wienerinnen und Wiener angekommen (Blog Meilensteine 1976). Dann endlich! Die Zielgerade war erreicht: Ein halbes Jahr vor der offiziellen U1-Eröffnung wurde die Baugrube Stephansplatz geschlossen sowie der Schul- und Probebetrieb aufgenommen und die Schwedenbrücke wieder den Autofahrern übergeben. Während in Wien die Vorfreude auf das neue Verkehrsmittel stieg, trauerte die Welt um Elvis Presley sowie Charlie Chaplin.

Cordoba, Zwentendorf, U-Bahn - so spannend war 1978

Während ganz Wien auf die U-Bahn-Eröffnung wartete, sollte 1978 als das Jahr der drei Päpste und der Geburt des ersten Retortenbabys eingehen. In Österreich gab es aber auch noch einen anderen Grund zum Feiern: Unsere Nationalelf schrieb mit dem unerwarteten 3:2-Erfolg über Deutschland bei der Fußball-WM in Cordoba Sportgeschichte und Edi Finger sen. mit seinem legendären „Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer' narrisch!“ Radiogeschichte. Das bereits fertiggestellte Kernkraftwerk in Zwentendorf wurde nach einer Volksabstimmung doch nicht in Betrieb genommen. Für die Wienerinnen und Wiener markierte der 25. Februar mit der Eröffnung der Neubaustrecke zwischen Karlsplatz und Reumannplatz nach zehn Jahren Bauzeit und weitaus längerer Planungsphase den Sprung ins U-Bahn-Zeitalter.

Zwei Jahre nach Beginn des U4-Probebetriebs und ein Monat nach Fertigstellung der zuvor heftig diskutierten Fußgängerzone rund um Graben, Stock im Eisen- und Stephansplatz lockte die offizielle Eröffnung der allererster U-Bahn-Neubaustrecke sowohl Größen aus Politik und Wirtschaft als auch zehntausende Schaulustige an. Alle wollten bei der ersten Fahrt mit von der Partie sein, wie die O-Töne von U-Bahn-Fahrer Franz Novotny oder Eröffnungsvideos beweisen. Auch die Presse verfolgte die Eröffnung mit großem Interesse, wie die Schlagzeilen der heimischen Tagespresse vom 26. Februar 1978 beweisen.

Schlagzeilen Tageszeitungen vom 26. Februar 1978
Schlagzeilen Tageszeitungen vom 26. Februar 1978

Der Reigen der Inbetriebnahmen setzte sich in diesem Jahr noch auf der U4-Strecke (Friedensbrücke-Karlsplatz) und der U1 (Karlsplatz-Stephansplatz) fort.

Was auf der „roten Linie“ damals mit einer sechsminütigen Fahrt auf einer Länge von drei Kilometern begann, endete vorerst mit der Verlängerung nach Oberlaa im September 2017. Die U1 mauserte sich mit 19,2 Kilometern und einer Fahrzeit von 34 Minuten vom nördlichen Rand der Leopoldau bis zum südlichen Kurpark Oberlaa zur längsten U-Bahnstrecke Wiens, die jährlich von mehr als 100 Millionen Fahrgästen genutzt wird. Mehr dazu hier.

Gedränge im 1. Silberpfeil: Auch Bundespräsident Kirchschläger war im Cockpit dabei.
Gedränge im 1. Silberpfeil: Auch Bundespräsident Kirchschläger war im Cockpit dabei.

Fünf U-Bahnen für Wien

Dauerte es von den ersten Plänen bis zur tatsächlichen Umsetzung eines unterirdischen Verkehrsnetzes 80 Jahre, so war seit der U1-Eröffnung allen klar: In Wien fährt die Zukunft U-Bahn! Noch bevor die erste U1 ihren Dienst antrat, wurde der Weg für den weiteren U-Bahn-Ausbau geebnet. Die zweite Ausbaustufe (1982 bis 2000) sah den Neubau der U3-Strecke von Simmering nach Ottakring sowie den Umbau der Stadtbahnlinie GD bzw. Neubau der U6 zwischen Floridsdorf und Siebenhirten vor. Es folgten Stations- und Streckeneröffnungen am laufenden Band. In der dritten Ausbauphase (2000 bis 2010) wurden die U2 zur Aspernstraße und die U1 nach Leopoldau verlängert. Im Zuge der vierten Ausbaustufe (2010 bis 2017) kamen die U2 schließlich in der Seestadt und die U1 in Oberlaa an. Eine Stadt ohne U-Bahn können sich die Wienerinnen und Wiener heute kaum mehr vorstellen. Obwohl sich noch einige gut an die Zeit ohne U-Bahn erinnern können, wie diese Straßenumfrage zeigt.

Im Zuge der bisherigen Arbeiten „vergaßen“ die Planer die U5. Tatsächlich war die Linie immer wieder ein Thema – der Bau wurde allerdings stets verworfen, da sich andere Linienführungen als effizienter, schneller, besser herausstellten. Doch schon bald ist Schluss mit diesem kuriosen Detail. 2024 soll die sechste und gleichzeitig erste vollautomatische U-Bahn-Linie zwischen Frankhplatz und Karlsplatz unterwegs sein. Alle Informationen dazu finden Sie hier.

Die U1 wurde 2017 bis nach Oberlaa verlängert.
Die U1 wurde 2017 bis nach Oberlaa verlängert.

Die Zukunft der U-Bahn oder die U-Bahn der Zukunft

Wiener Linien, Stadt Wien und Bund investierten von 1967 bis 2017 mehr als 9,4 Milliarden Euro in das U-Bahn-Netz! Und setzen diese Investitionen auch fort. Denn schon im Jahr 2022 sollen in Wien mehr als zwei Millionen Menschen leben. Und die wollen ja auch weiterkommen. Der U2/U5-Ausbau zielt genau auf diesen Zuwachs ab. Die stark genutzten, innerstädtischen Linien werden entlastet und die Kapazitäten gleichzeitig erhöht. Dass das nicht ohne Bauarbeiten vonstattengehen kann, leuchtet wohl jedem ein. Noch heuer starten die U-Bahn-Arbeiten am Matzleinsdorfer Platz und bei der Pilgramgasse. Bei allen anderen betroffenen Stationen beginnen die nötigen Vorarbeiten für die ab 2019 geplanten U-Bahn-Arbeiten. Mehr dazu gibt es hier.

Ab 2024 gehört auch die U5 zu Wien.
Ab 2024 gehört auch die U5 zu Wien.

40 facts zu 40 Jahre U-Bahn

Für alle, die meinen, bereits alles über die Wiener U-Bahn zu wissen, haben wir 40 Fakten zusammengetragen. Wer sein Wissen testen möchte, ist hier genau richtig!

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