Was macht eigentlich ein Baumexperte?

Martin Kühnert ist Ziviltechniker für Forst- und Holzwirtschaft und prüft, welche Bäume beim U-Bahn-Bau umgepflanzt werden können. Heute steht uns der Baumexperte Frage und Antwort.

Herr Kühnert, wie wird entschieden, welche Bäume im Einflussbereich U-Bahn-Bau umgepflanzt werden müssen und wann sind Umpflanzungen generell sinnvoll?

Grundsätzlich gilt: je jünger ein Baum ist, und je kürzer seine Pflanzung zurückliegt, desto leichter kann er verpflanzt werden.  Wir haben bei der Projektplanung eine Baumhöhe von 6 bis 8 Metern als Grenze für eine Umpflanzung herangezogen, da bei größeren Bäumen auch der Wurzelraum bereits große Durchmesser aufweist, und ein Ausgraben des Baumes zwangsläufig zu massiven Wurzelschäden führt. Weitere Kriterien sind ein guter Gesundheitszustand des Baumes (voll belaubt, keine Dürräste, keine größeren Stammschäden) und die Baumart. So ist z.B. die Platane eine recht robuste Baumart, die auch schwerere Eingriffe in ihren Wurzelraum aushält, wogegen z.B. Ahorn und Linde viel empfindlicher auf die bei einer Umpflanzung meist entstehenden Wurzelschäden reagieren. 

Vor ein paar Monaten wurde zum Beispiel aufgrund des Öffi-Ausbau U2xU5 eine Platane im Bereich Josefstädterstraße umgepflanzt. Wie ist man hier vorgegangen?

Großbaumverpflanzungen wie z.B. die Verpflanzung der rund 15 – 20 Meter hohen Platane im Bereich der Kreuzung Auerspergstraße / Josefstädter Straße sind nur unter besonders günstigen Voraussetzungen (robuste Baumart, guter Gesundheitszustand, gut abgegrenzter, nicht zu großer Wurzelraum in einer Betoneinfassung) erfolgversprechend und auch unter günstigen Bedingungen mit einem hohen logistischen Aufwand verbunden (Schwerlastkran, Sondertransport). Notwendig ist auch eine entsprechend breite Straße ohne Höhenbegrenzungen wie Straßenbahnoberleitungen etc., die für die Großgeräte, mit denen eine Großbaumverpflanzung durchgeführt werden muss, ausreichend Platz bietet. 

Letztlich ist der Aufwand einer Großbaumverpflanzung auch dem viel geringeren Aufwand einer Neupflanzung gegenüberzustellen. Ein 4 Meter hoher, frisch gepflanzter Baum erreicht bei guter Pflege in 10 Jahren eine Baumhöhe von 10 Metern und einen Kronendurchmesser von 6 – 7 Metern, und ist dann somit bereits ein ansehnlicher, großer Stadtbaum. Mit fortschreitendem Alter wächst der Baum viel langsamer, und stellt sein Wachstum aufgrund der in der Stadt meist zu kleinen Wurzelräume mit rd. 30-40 Jahren weitgehend ein. Das heiß ein 100 Jahre alter Baum (z.B. die sog. „Schubertlinde“) ist auf einem städtischen Standort kaum größer als ein 30-40 jähriger. 

Wir wägen daher bei jedem einzelnen Baum, welcher der Baustelle weichen muss, ab, ob eine Umpflanzung erstens überhaupt erfolgversprechend ist, oder ob mit einem Absterben des umgepflanzten Baumes gerechnet werden muss, ob zweitens die technische Machbarkeit für eine Umpflanzung am jeweiligen Standort gegeben ist, und drittens ob der mit einer Umpflanzung zusammenhängende Aufwand nicht besser in Neupflanzungen investiert wäre.  

Ein Baum wird umgepflanzt

Wie erkennt man, wenn ein Baum krank ist, und was sind dann die nächsten Schritte?

Sichtbare Anzeichen für Baumerkrankungen sind meist Laubverluste (schüttere Belaubung) und dürre Äste in der grünen Krone sowie größere Stammwunden, sichtbare Faulstellen und Pilzfruchtkörper am Stamm. Je nach Alter des Baumes und Stadium der Erkrankung reichen die Maßnahmen von einer sanften Kronenpflege (Entfernen einzelner Dürräste) und verstärkter Bewässerung bis hin zur Entfernung des Baumes, letzteres vor allem dann, wenn die Verkehrssicherheit des Baumes nicht mehr gegeben ist, also ein Baumbruch aufgrund des Zustandes nicht mehr ausgeschlossen werden kann. Für die Gesundheits- und Stabilitätsbeurteilung von Bäumen gibt es eine eigene Norm (ÖNORM L 1122 „Baumkontrolle und Baumpflege“). 

Baumschutz ist uns ein Anliegen

Der Öffi-Ausbau U2xU5 ist Wiens größtes Klimaschutz- und Infrastrukturprojekt. 2030 sollen in Wien zwei Millionen Menschen leben. Sie alle profitieren von den neuen Verbindungen und der lebenswerten Atmosphäre in unserer Stadt. Die Leistungsfähigkeit des Wiener Öffi-Netzes wird enorm wachsen. Leistungsfähige U-Bahnen sind die ökologische Lebensader unserer Stadt und eine wirkungsvolle Antwort auf die Klimakrise.

Alexandra Reinagl, Geschäftsführerin der Wiener Linien und Martin Krajcsir, Generaldirektor der Wiener Stadtwerke

Der Baumschutz ist den Wiener Linien ein großes Anliegen. Als ein dem Klimaschutz verpflichtetes Unternehmen ist der Schutz und Ausbau des Grünraumes eines unserer wesentlichen Ziele. Überall wo sinnvoll und möglich setzen wir uns voll und ganz dafür ein.

Wo immer möglich werden Bäume während der Bauarbeiten geschützt – zum Beispiel durch Einhausungen der Bäume und Schutz gegenüber den Bautätigkeiten. Wo immer möglich und sinnvoll im Sinne einer gewährleisteten Baumerhaltung werden Bäume umgepflanzt. Stehen Bäume im unmittelbaren Baustellen- oder Baugrubenbereich müssen Bäume trotz aller Bemühungen auch entfernt werden. Der Fokus liegt hier klar auf der Wiederherstellung und Neugestaltung der Oberfläche nach Fertigstellung der neuen U-Bahnen: Bereits bei den Bauarbeiten wird auf den Umweltschutz größten Wert gelegt. Jeder Baum im Baustellenbereich, der umgepflanzt werden kann, wird umgepflanzt oder während der Bauarbeiten geschützt. Im gesamten U2xU5 Projekt sind das rund 300 Bäume!

Dass eine begrünte Oberflächengestaltung möglich ist, wurde bereits bei der Neubaugasse unter Beweis gestellt. Die neue Routenführung vom 13A, die für den Bau der U2xU3-Station Neubaugasse erforderlich ist, hat die beliebte Einkaufsstraße in eine verkehrsberuhigte Begegnungszone verwandelt, gleichzeitig wurden 29 neue Bäume gepflanzt.

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3 Mai 2021