„Manche sagen auch Danke“ – Unterwegs mit dem Sicherheitsteam der Wiener Linien

Seit 2017 gibt es das Sicherheitsteam der Wiener Linien. Die ca. 100 Männer und Frauen erinnern meist einfach nur an die Hausordnung oder die Beförderungsbedingungen. Manchmal müssen sie auch einschreiten, fortschicken oder Gebühren verhängen – und sich im Extremfall mit körperlichen Angriffen auseinandersetzen. Seit der Corona-Pandemie ist ihr Job noch anspruchsvoller geworden.

„Ladiiiiies!“ So, wie Goran das den fünf durch die Karlsplatzpassage schlendernden Frauen zuruft, klingt das fast wie ein Gruß. „Laaaadiiies“, lacht der Mann mit der Frisur zwischen Undercut und Irokese noch einmal – und tippt sich an die Nase. Also dorthin, wo seine Nase wohl wäre, wenn er keine Maske trüge.

Die Frauen schauen überrascht: „Tschuldigung, voll vergessen“, sagt eine. Eine andere scherzt: „Mir san aus Kärnten, do sama nid a so streng.“ Noch während sie das sagt, verschwinden fünf Gesichter hinter FFP2-Masken. Kichernd („Mei, der is’ jo liab!“) spaziert die Damenrunde weiter.

Goran und Ariagna sorgen im U-Bahn-Bereich für Sicherheit und Ordnung.

„Manchmal vergisst man halt einfach,“ sagt Goran. Ariagna tippt währenddessen in ihr Handy. „Wir dokumentieren alles. Auch wenn es nur eine Masken-Erinnerung ist.“ Sie und Goran gehen weiter: Runter zum Bahnsteig. Sie fahren ein paar Stationen, patrouillieren über den nächsten Bahnsteig: „Wir sind überall unterwegs“, sagt Goran, während er Waggonnummern notiert, „das ist der Sinn unseres Jobs.“

Ariagna und Goran gehören zum Sicherheitsdienst der Wiener-Linien – und sind auf den ersten Blick vor allem eines: Sichtbar. Allein das wirkt schon. Trotz Videoüberwachung, trotz Notruftastern: „Echte“ Menschen zu sehen, beruhigt Viele – und verhindert Einiges. Wenn Ariagna und Goran – oder sonst eine oder einer der Öffi-Securities – auftauchen, rutschen Masken wie von Zauberhand über Nasen. Skateboards werden getragen, Scooter geschoben. Wer per Handy gerade noch einen ganzen Zug beschallte, hat plötzlich Kopfhörer. Und ob der Sicherheitsdienst Fahrscheine kontrolliert, wollen manche ZeitgenossInnen dann doch nicht herausfinden: Zwei oder drei Fahrgäste steigen meist recht hektisch aus, sobald Ariagna und Goran einsteigen.

Die SicherheitsdienstmitarbeiterInnen sind überall unterwegs: Es geht um Sichtbarkeit.

Das sind Kleinigkeiten? Ja. Aber sie sind wichtig. Kleinigkeiten prägen Stimmungen. Und um die geht es, gerade während der Corona-Pandemie: Um das Gefühl, sicher zu sein. Um das Wissen, dass da jemand ist, der nicht wegschaut – und der dort, wo der lachende Fingerzeig zur eigenen Nase nicht genügt, einschreitet.

Die Statistik spricht da eine klare Sprache: Seit Einführung der Maskenpflicht haben die Wiener-Linien-Securities unzählige Ermahnungen ausgesprochen. 15.000 Personen aus den Öffis komplimentiert. Nach eineinhalb Jahren Pandemie kennen die beiden schon fast jede Ausrede, warum man keine Maske trägt. Auch Pöbeleien, Beschimpfungen und Drohungen gäbe es bei Abmahnungen oft, erzählen Ariagna und Goran. Wenn es dabei bliebe, bräuchten die beiden ihre unbequeme Schutzausrüstung nicht. Doch auch Rempeleien, Tritte und Schläge sind mittlerweile fast Alltag: 172 tätliche Angriffe auf Mitarbeiterinnen der Wiener Linien wurden im Vorjahr dokumentiert.

Deshalb – aber auch um das eigene, auf Deeskalation ausgerichtete, Verhalten zu dokumentieren – tragen die Securities die Bodycams auf ihren vier Kilo schweren Stichschutzwesten nicht zur Zierde. Auch den Pfefferschaum (Schaum – weil Pfefferspray andere Personen in der U-Bahn oder der Station treffen könnte) müssten sie „selten aber doch“ manchmal zücken. „Wir dürfen im Rahmen einer Notwehr oder Nothilfe Zwangsmittel anwenden“, betont Goran, „natürlich immer nur das Gelindeste.“ Viele, egal ob Fahrgäste oder KollegInnen, wissen nicht, dass die MitarbeiterInnen des Sicherheitsdienstes „Eisenbahnaufsichtsorgane“ sind. Sie dürfen also kontrollieren, abmahnen, wegweisen und Anzeigen ausstellen – und sich Widersetzende festnehmen, bis die Polizei eintrifft. „Sowas schaut nie sympathisch aus. Aber wenn einer Fahrgäste oder uns bedroht oder attackiert, bleibt uns nichts anderes übrig.“

Natürlich sei das „die absolute Ausnahme“, so Goran. Doch auch mutmaßlich „harmlose“ Attacken sind kein Spaß: Einem Kollegen, erzählt Ariagna, habe ein Tobender unlängst ins Auge gespuckt: „Bis du die TBC-, Hepatitis-, HIV- oder sonstigen Testergebnisse hast, vergehen Wochen. Wochen in Angst. Die Ungewissheit ist schlimm. Auch für unsere Familien.“

„Die meisten Fahrgäste sind rücksichtsvoll und höflich. Manche sagen sogar Danke.“

Da immer eine positive Grundeinstellung zu behalten, sei oft nicht leicht. Beleidigungen gleich wegzustecken aber wichtig: Die, die man als nächste darauf hinweist, dass der Wauzi einen Beißkorb und der Halter eine Maske brauchen, können für die Pöbeleien zuvor ja nichts. „Du versuchst das bei Schichtende mit der Weste abzulegen. Aber in jeder Uniform steckt ein Mensch“, sagt Ariagna. Deshalb ist sie froh, dass es bei den Wiener Linien ein funktionierendes Buddy-Supervisionssystem gibt: KollegInnen, mit denen man reden kann. Aber auch professionelle PsychologInnen – weil Stichschutzwesten nicht vor jeder Verletzung schützen.

Wobei es eines zu betonen gelte, sagt Goran – und zeigt in die Tiefe der Karlsplatzpassage: „Schau, wie viele Leute hier unterwegs sind, wie voll die Züge sind: Fast alle sind vernünftig, rücksichtsvoll und höflich. Es sind nur ganz wenige, die nicht mitmachen. Die reden wir an. Aber auch von denen reagieren nur sehr wenige ungut. “

Und manchmal, sagt Ariagna, gäbe es auch schöne Erlebnisse: „Wenn jemand – meist Frauen oder ältere Menschen – ‚Danke‘ sagt. Weil wir signalisieren, dass die Öffis sicher sind. Dass Wien sicher ist.“

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