helpU-MitarbeiterInnen bei der Arbeit

„Hallo, wir sind von helpU. Können wir helfen?“

Seit 15 Jahren sind die MitarbeiterInnen von helpU im öffentlichen Raum im Einsatz. Sie betreuen „AußenseiterInnen“ – helfen aber auch Ängste und Vorurteile der „anderen“ abzubauen.

Jürgen Strohmeier zum Beispiel. Jürgen Strohmeier ist eigentlich Buslenker. 15 Jahre lang steuerte er Linienbusse durch Wien. Er tat das gut – und gerne. Auch wegen der Menschen: Die erzählten ihm ihre Geschichten. Die fröhlichen und die traurigen. Die schönen – aber auch die schrecklichen. Jürgen hörte zu. Aber manchmal dachte er sich, dass zuhören nicht alles sei.

Vor zwölf Jahren wechselte Jürgen deshalb die Dienstkleidung: Statt Blau trägt er seither Rot. Statt hin und wieder Rat hat er jetzt einen Rucksack voll Hilfe dabei: Servicebroschüren, Hygieneartikel, Erste-Hilfe-Set – sogar kleine Essenspakete. Aber vor allem hat Jürgen jetzt eines: Zeit. Zeit für 1.000 Sorgen, Probleme – und auch Ängste.

Oana Ochia (Suchthilfe Wien) und Jürgen Strohmeier (Wiener Linien) bei der Arbeit am Karlsplatz

Was sich nicht geändert hat, ist Jürgens Arbeitgeber: die Wiener Linien – auch wenn das auf den ersten Blick überrascht. Und auch wenn das für jene Leute, denen Jürgen und seine 14 KollegInnen von helpU helfen, keine Rolle spielt. Denn helpU tritt an stark frequentierten Orten des öffentlichen und meist U-Bahn-nahen Raums in Erscheinung – und ist eine Kooperation der Wiener Linien mit der „Suchthilfe Wien“. Die niederschwellige Betreuungs- und Beratungsplattform wurde 2005 ins Leben gerufen und setzt sich zur Hälfte aus MitarbeiterInnen mit psychosozialem Hintergrund und Öffi-MitarbeiterInnen zusammen.

helpU ist für alle da

Eine gute Kombi. Schließlich zählen im Umgang mit den 1.000 kleinen und großen Problemen, die im Zusammenleben der sehr unterschiedlichen Nutzergruppen des öffentlichen Raumes auftauchen, neben sozialen Kompetenzen auch technisch-fachliche Fähigkeiten; das Kennen der Regeln, aber auch der Bedürfnisse und Bedingungen öffentlicher Infrastruktur; und vor allem die Fähigkeit, zuzuhören ohne zu urteilen. Und dann – in allen Sprachen der Stadt –  Lösungen zu finden, mit denen alle leben können. Auch wenn das oft nicht einfach ist.

Auf den ersten PassantInnen-Blick sieht die „Sache“, der Auftrag, klar aus: Die Teams von helpU sieht man oft bei marginalisierten Menschen. Bei Obdach- und Wohnungslosen, Sucht- oder Alkoholkranken. Menschen also, die oft nur als „Störung“ wahrgenommen werden. Die „Gestrandeten“ bekommen Rat (von Infos über Notschlaf- und Beratungsstellen bis zu medizinischer Versorgung) und Tat (etwa Essen, FFP2-Masken, Tampons oder Kondome) und sonstige Unterstützung. Oft geht es da ums Übersetzen und erklären von Regeln. helpU hat dafür vielsprachige Infobroschüren – und Piktogrammen. Piktogramme? „Ja“, sagt Jürgen Strohmeier, „viele können nicht lesen.“

Die MitarbeiterInnen von helpU sind die erste Ansprechperson bei sozialen Herausforderungen rund um U-Bahn-Stationen.

Doch genauso aktiv ist helpU für andere Bürgerinnen und Bürger und deren Sorgen und Nöte im öffentlichen Raum. Klar geht es auch da ums Informieren. Um Routen, Anbindungen und Wege und um kleine Hilfestellungen. Doch viele Sorgen und Beschwerden, die an die „Rothemden“ herangetragen werden, haben mit marginalisierten Menschen zu tun: Oft sind es gar keine Missstände, sondern die Sichtbarkeit der „Ungewollten“. Da, sagt helpU-Chef Gerhard Kanta (ebenfalls einstiger Buslenker), sei es wichtig, zu erklären, dass „öffentlicher Raum“ eben öffentlich ist: „AußenseiterInnen“ haben oft keine Möglichkeit, anderswo zu sein.

Das Gespräch suchen

Ein Balanceakt: Parks, U-Bahn-Stationen und alle Bereiche des öffentlichen Raumes angstfrei nutzen zu können sei schließlich ein Grundrecht in der Stadt. „Ängste sind subjektiv, man kann sie nicht relativieren.“ Aber, weiß Kanta, „es hilft schon enorm, wenn man zuhört.“ Erschreckend, ergänzt Kantas Stellvertreterin Doris Dohnal (früher Straßenbahnerin) sei zu spüren, wie Stimmungen und Vorurteile, die manchmal von Medien oder PolitikerInnen geschürt würden, ungeprüft übernommen würden. „Wenn man mit den Leuten vernünftig redet, bleibt davon aber meist wenig übrig.“

Freilich: Wo Einschreiten nötig ist – egal ob jemand im öffentlichen Raum übernachtet, Touristen den Weg zum Stephansdom nicht finden, ein Rollstuhl oder Kinderwagen wegen einer defekten Rolltreppe nicht weiter kommt – wird gehandelt. Selbst, gemeinsam mit sozialen Diensten der Stadt – und manchmal auch mit Hilfe von Securitys oder der Polizei: Teamwork eben.

Doch dort, wo man erkennbar, früh und auf Augenhöhe da sei und das Gespräch suche, sagt Gerhard Kanta, brauche es die schon vom Auftreten her „mächtigen“ Kräfte oft nicht: „Wenn man auf Leute zugeht, ihnen die Regeln – aber auch Möglichkeiten – klar, verständlich und nicht von oben herab erklärt, löst sich viel rasch und fast von selbst.“ Und das beginnt mit einer einfachen Frage: „Hallo, wir sind von helpU – Können wir helfen?“

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Kommentare (1)

  • Liebes Team,
    danke für diesen tollen Artikel über Menschen, die fast immer im Hintergrund stehen und oft mit „Diese Arbeit könnte ich nicht machen“ oder „Was geht mich der an“ kommentiert wird!
    Es sind Menschen wie du und ich, mit dem großen Unterschied, dass sie sich um andere Menschen, die oftmals nicht freundlich sind, nicht gut riechen oder schon nahe dem Abgrund sind, kümmern, ja mehr noch sich Sorgen machen und nicht aufgeben!
    In einer Zeit von unendlichem Egoismus bedanke ich mich für diese Menschen!
    Mit freundlichen Grüßen,
    Sabine Riegler

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