Heldinnen und Helden der Nacht

Am 2. November veränderte ein einziger Mann in gerade einmal neun Minuten das Leben vieler Menschen. In dieser schier unbegreiflichen Situation haben die Wiener Linien dafür gesorgt, dass die Stadt weiterhin mobil war. Stellvertretend für ALLE Öffi-Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an diesem Montag im Dienst waren, holen wir einige Heldinnen und Helden dieser Nacht vor den Vorhang.

Straßenbahnfahrerin Barbara S. (32)

Ich hatte gerade Pause und habe mir am Schottenring die Beine vertreten. Plötzlich sah ich einen humpelnden Mann, der um Hilfe bat, weil er angeschossen wurde. Er blutete aus seinen Beinen. Ich wusste nicht, was los war. Ich und meine KollegInnen haben den Mann, der drei Schussverletzungen in seinen Beinen hatte, im fensterlosen Vorraum unseres WCs im Expedit in Sicherheit gebracht. Dort haben wir Erste Hilfe geleistet und unsere Funkstreife verständigt. Es dauerte ein wenig, bis die Rettung bei uns war. Nachdem der Mann ins Spital gebracht wurde, blieb ich weiterhin im Dienst.

Barbara S. ist seit 2010 Mitarbeiterin der Wiener Linien.

Werkstätten-Mitarbeiter Milan Z. (25)

Ich muss als Werkstätten-Mitarbeiter auch Straßenbahnen fahren können. Ich war am Montag deshalb auf der Linie 1 unterwegs. Ich wollte gerade vom Schwedenplatz losfahren, als ich vermeintliche Böller hörte. Nach ein paar Metern – auf Höhe des McDonalds – stürmten plötzlich Menschen auf meine Bim zu. Ihnen war die Panik anzusehen. Ich öffnete die erste Tür. Sie warfen sich auf den Boden und schrien: „Fahr los! Da schießt einer! Fahr los!“ Ich schaute links in die Seitenstraße und sah, wie der Attentäter auf Menschen schoss. Ich alarmierte die Leitstelle und fuhr zur nächsten Haltestelle Salztorbrücke, wo ich weitere Fahrgäste aufnahm. Beim Schottenring übergab ich wie geplant die Straßenbahn einem Kollegen, der die Fahrgäste weiter aus der Innenstadt hinausbrachte. Ich informierte mich schließlich, was eigentlich passiert war.

Milan Z. ist seit 2020 Mitarbeiter der Wiener Linien.

Mitarbeiter Fahrgastinfo Kayahan C. (24)

Wir haben über Funk gehört, dass ein Buslenker Schüsse am Schwedenplatz wahrgenommen hat. Auf den Kameras haben wir dann gesehen, dass dort immer mehr Blaulicht zusammengekommen ist. Die Fahrgäste wurden sofort über die diversen Maßnahmen, z.B. per Durchsagen, informiert – natürlich immer in Abstimmung mit der Polizei. Denn auch wir wussten ja nicht, welche Informationen richtig und falsch waren. Da sich die Maßnahmen oft änderten, haben wir entschieden, die Durchsagen ganz allgemein zu halten, wie z.B. „Meiden Sie die Innenstadt“. Die FahrerInnen und LenkerInnen haben daraufhin die direkte Kommunikation mit den Fahrgästen übernommen und ihnen erklärt, wo, wie und wann die Linien unterwegs sind. Für mich war der Tag um 2:00 Uhr Früh zu Ende.

Kayahan C. ist seit 2017 Mitarbeiter der Wiener Linien.

Mitarbeiter U-Bahn-Leitstelle Christine L. (48) und Christoph N. (33)

Ein Service-Mitarbeiter hat uns um 20:00 Uhr panisch angefunkt, dass es eine Schießerei am Schwedenplatz gibt. Hunderte Menschen haben im Stationsgebäude Sicherheit gesucht. Wir haben sofort über die Betriebsleitstelle die Blaulichtorganisationen alarmiert und dann haben sich die Meldungen bei uns überschlagen. Im Sekundentakt haben wir Funksprüche der MitarbeiterInnen entgegengenommen und haben sie beruhigt. Wir haben auch alle Anordnungen des Einsatzstabs umsetzen können. Nebenbei haben wir auch noch unsere alltägliche Arbeit geleistet: Nachtarbeiten wurden abgesagt. Rettungs- und Polizeieinsätze außerhalb der Innenstadt-Stationen mussten koordiniert werden. Gleichzeitig haben wir uns bemüht unsere MitarbeiterInnen vom Service- und Reinigungsteam so schnell wie möglich in Sicherheit zu bringen. Es war eine psychische Dauerbelastung – aber wir mussten für die KollegInnen vor Ort ruhig bleiben. Eines hat sich ganz deutlich gezeigt: Wir haben diese Situation nur deshalb so gut bewältigt, weil wir alle zusammengearbeitet haben.

Christine L. ist seit 1995 Mitarbeiterin der Wiener Linien.
Christoph N. ist seit 2007 Mitarbeiter der Wiener Linien.

Mitglied im Polizei-Einsatzstab Karl Z. (45)

Ich war gemeinsam mit Rettung, Feuerwehr und der Stadt Wien Teil einer Fachgruppe und direkt in der Landespolizeidirektion am Schottenring. Wir sind nicht nur in solchen Ausnahmesituationen, sondern ganz regelmäßig mit allen Blaulichtorganisationen im Austausch. Die bisher ganz ausgezeichnete Zusammenarbeit hat auch an besagtem Montag hervorragend funktioniert. Gemeinsam wurden betriebliche und sicherheitsrelevante Entscheidungen getroffen und ich habe diese Entscheidungen schließlich in die Leitstelle der Wiener Linien weiterkommuniziert. In Erinnerung wird mir vor allem ein mulmiges Gefühl bleiben, das ich bei der Anfahrt zum Einsatzstab hatte. Die Informationslage war einfach nicht klar. Klar war für mich hingegen: Ich erledige meinen Job.

Karl Z. ist seit 1999 Mitarbeiter der Wiener Linien.

Mitarbeiter Betriebsleitstelle Julian S. (36)

Ich bin um 17:30 Uhr nachhause gegangen und bin dann aber wieder in die Leitstelle zurückgefahren. Ich wollte einfach unterstützen – denn in so einer Situation ist wirklich jede Hand nötig. Ich habe gemeinsam mit meinen KollegInnen der Betriebsleitstelle in Zusammenarbeit mit der Einsatzleiterin im Sekundentakt Maßnahmen in die Wege geleitet, die FahrerInnen und LenkerInnen darüber informiert und den Einsatz koordiniert. Besonders wichtig war, dass wir den Betrieb so gut wie möglich aufrechterhalten konnten und im Auftrag der Polizei die Menschen aus dem Gefahrenbereich zu bringen sowie den Verkehr auch im restlichen Netz aufrechtzuerhalten. Immer mit dem Gedanken im Hinterkopf unsere KollegInnen vor Ort zu schützen. Die Stimmung war natürlich sehr angespannt, aber wir haben gemeinsam alle Vorgaben der Polizei erfolgreich umgesetzt. Mein Dienst war erst weit nach Mitternacht zu Ende – am nächsten Tag ging ich natürlich wieder in die Arbeit.

Julian S. ist seit 2007 Mitarbeiter der Wiener Linien.

U-Bahn-Fahrerin Silvia G. (52)

Ich war auf der U2 unterwegs. Schlag 20:00 Uhr kam der erste allgemeine Info-Rundruf von der Leitstelle: Polizeieinsatz am Schwedenplatz, die Stationen Schwedenplatz und Schottenring müssen durchfahren werden. Mehr wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Die Durchsagen auf den Bahnsteigen waren auch für mich wichtig. Die Anweisungen von der Leitstelle kamen ab diesem Zeitpunkt im Minutentakt. Kurzführungen, Stationen durchfahren, kein Fahrgastwechsel. Ich blieb mit Ausnahme meiner Pausen immer in Bewegung. Um Mitternacht wurde ich zur Station Schottentor beordert. Die BesucherInnen des Burgtheaters wurden in meinen Zug geleitet. Es lief alles sehr ruhig ab. Viele hatten Fragen: Wo dürfen sie aussteigen? Wie kommen sie nachhause? Kurz vor 2:00 Uhr nachts beendete ich meinen Dienst.

Silvia G. ist seit 2007 Mitarbeiterin der Wiener Linien.

U-Bahn-Fahrer Mario B. (35)

Mir war nicht sofort klar, was sich in der Innenstadt abgespielt hat. Wir bekamen laufend Anweisungen und standen mit unseren Fahrzeugen nie still. Bei der Fahrzeugübergabe waren mein Kollege und ich allein am Bahnsteig. Es herrschte eine ganz unnatürliche Stille, nur die Sirenen haben wir gehört. Die ganze Nacht waren kaum Fahrgäste in meinen Zügen. Gegen Mitternacht forderte die Polizei meinen Zug in die Station Karlsplatz an, wo rund 30 BesucherInnen der Staatsoper eingestiegen sind.  Sie alle waren sehr diszipliniert, ich bemerkte aber natürlich ihre Anspannung. In der Station Stadtpark warteten dann sehr, sehr, sehr viele Fahrgäste – die Station wurde zu diesem Zeitpunkt wieder geöffnet. Ich bin dann bis nach Heiligenstadt gefahren, viele Fahrgäste haben sich herzlich bei mir fürs sichere Nachhausbringen bedankt. Für mich war das ganz selbstverständlich.

Mario B. ist seit 2009 Mitarbeiter der Wiener Linien.

Service-MitarbeiterInnen und Sicherheitsteam

Ganz herausragende Arbeit haben an diesem Abend auch die Service-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter sowie das Sicherheitsteam vor Ort sowie im gesamten Netz geleistet. Hunderte panische Menschen, die aufgrund der dramatischen Situation in die U-Bahn-Stationen geflüchtet sind, wurden erstversorgt, informiert und – natürlich immer nach Rücksprache mit dem Einsatzstab – in Sicherheit gebracht. Trotz der nicht eindeutigen Lage und der entsprechend hohen Anspannung auf allen Seiten haben gerade sie einen ganz wesentlichen Teil zur erfolgreichen Bewältigung dieser Ausnahmesituation beigetragen.

(Das Foto wurde vor Corona aufgenommen.)

Wiener-Linien-Geschäftsführung Alexandra Reinagl und Günter Steinbauer

Für jede Einzelne und jeden Einzelnen war der Allerseelen-Abend eine enorme Belastung. Dem Terror so direkt ausgesetzt zu sein, war für niemanden von uns vorhersehbar. Wir sind sehr, sehr stolz darauf, wie professionell unsere Heldinnen und Helden der Nacht mit dieser Situation umgegangen sind. Gemeinsam haben wir Wien mobil gehalten und einmal mehr bewiesen: Auf die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Wiener Linien ist auch in Krisensituationen Verlass. Sie alle haben ihre eigene Angst zum Wohl der Allgemeinheit hintenangestellt und mitunter weit über ihre persönlichen Grenzen hinaus agiert. Die Entscheidungsträger, die stets das Wohl aller im Blick behalten haben, konnten sich zu jeder Sekunde auf genau diese Menschen zu 100 Prozent verlassen. Nur gemeinsam war es möglich, diese unbegreiflichen Stunden zu überstehen. Danke

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