U2/U5: Mit Krampen und Kübel

Im Vorfeld des Baus der U-Bahn-Linien U2 und U5 werden schon jetzt Fundamente von Häusern entlang der Trasse untersucht – in Handarbeit.

Das Kellerfenster, sagt Matthias Jantschek, „ist ein Glücksfall.“ Weil es den U-Bahn-Bau einfacher macht. Ja, auch wenn das wie ein Witz klingt - und so aussieht: Vor dem Haus in der Quellenstraße in Favoriten steht ein Arbeiter am Gehsteig. Er zieht an einem Strick. Der Strick läuft durch das Kellerfenster. Und am Ende des Strickes hängt ein Kübel. Den zieht der Arbeiter nach oben. Händisch. Er kippt Erde und Schutt aus, lässt den Kübel wieder in den Keller - und holt den nächsten rauf. So baut man die U-Bahn? 2016? Echt jetzt? Und: Das ist „einfach“?

 

Die ausgegrabene Erde muss weg, damit der Blick auf die Fundamente frei wird.
Die ausgegrabene Erde muss weg, damit der Blick auf die Fundamente frei wird.

Matthias Jantschek lacht - und erklärt: „Ja. Wenn da kein Fenster wäre, müssten wir den Aushub herauf tragen. Händisch. Über die Kellertreppe, durch das Haus.“ Nicht nur hier, in einem Haus in Favoriten - sondern entlang des ganzen U2-Südastes. Der wird vom Rathaus zur Neubaugasse, über Pilgramgasse und Reinprechtsdorferstraße zum Matzleinsdorferplatz führen - und am Wienerberg enden. 2023. Baubeginn: 2018. Aber Löcher werden schon jetzt gegraben. Von Hand. In Kellern.

„So um die 5000 werden es“, schätzt Jantschek. Er ist Bauleiter in der Quellenstraße - und schränkt ein: „Insgesamt. In unserem Teilbereich waren es aber erst 170.“ Doch die, betont Jantschek, „waren alle Handarbeit. Nicht nur der Abtransport: Auch das Graben. Und das Zuschütten danach.“

Es ist ein Arbeiten wie vor 100 Jahren. Oder 500: Lange vor den High-Tech-Tunnelbohr-Maschinen kommen Schacht-Schaufler. Menschen. Mit Schaufel und Krampen, Kübel und Scheibtruhe.

Ein Blick auf die „Wurzeln“ eines Hauses.
Ein Blick auf die „Wurzeln“ eines Hauses.

Ohne sie geht es nicht. Erst ihre Arbeit macht den „echten“ U-Bahn-Bau möglich: Bevor tief unter den Fundamenten Tunnel gegraben werden, erklärt Erich Gaidatsch, muss doppelt und dreifach abgeklärt sein, dass weder Bauarbeiten noch U-Bahnbetrieb Schäden verursachen oder die Wohnqualität beeinträchtigen werden.

Auf den Zentimeter genau vermessen

Deshalb, so der Baustellenkoordinator der Magistratsabteilung 29 (zuständig für Brücken- und Grundbau) ist schon jetzt „Schicht im Schacht“. Bei den sogenannten „Fundamentuntersuchungen“ werden nach einem genauen Protokoll Bodenproben genommen, klassifiziert und analysiert. Auf den Zentimeter genau wird vermessen und dokumentiert, was da wo und wie im Boden und im Untergrund steckt: Vom Kellerboden senkrecht nach unten unter die tiefste Fundamentkante - und dann noch weiter.

Gewerkt wird in Handarbeit.
Gewerkt wird in Handarbeit.

Mitunter, ergänzt Werner Tramp (ebenfalls MA 29), reichen diese Schächte fünf Meter und tiefer unter den Kellerboden. Und weil derartige Bodenuntersuchungen eine exakte, präzise, wissenschaftlich genau durchgeführte Vor-Bau-Maßnahme sind, ist Tramp, Gaidatsch, Leitner, Jantschek und allen anderen Beteiligten auch das Wording wichtig: Hier wird nicht „gebohrt“. Auch nicht „gebuddelt“. Oder „gegraben“: Hier wird „geschürft. Weil Schicht für Schicht sauber abgetragen und in Fächerkisten abgelegt wird. Damit dann eine präzise Analyse möglich ist.“

Erst die ermöglicht es Planern und Technikern, jene „Hauszustandsfeststellung“ genannten Expertisen anzufertigen, ohne die es keine „Hausmappen“ gäbe. Ohne die wüssten die U-Bahn-Bauer nicht, wie tief die Fundamente reichen - und welche Bodenschichten unter den Grundmauern auf- und übereinander liegen: Wie dicht, wie hoch, wie solide. Und so weiter.

Auch wenn die Schächte in den Kellern aussehen, als wären sie bloß „primitive“ Löcher: Ohne sie gäbe es keine U-Bahn. „In Wien werden seit 40 Jahren U-Bahnen gebaut. Obwohl wir überall unter Häusern durchfahren, ist noch nie etwas passiert. Und obwohl kein Mensch etwas davon mitkriegt, wissen wir: Das liegt - auch - an unserer Arbeit.“ Und: Ja, darauf sind die Loch-Schürfer von der Quellenstraße stolz. Zu recht. Doch um sich selbst auf die Schulter zu klopfen, hat hier keiner eine Hand frei. Schließlich ist der Job hier vor allem eines: Handarbeit.

Mehr Informationen zum Projekt U2/U5.

Text: Thomas Rottenberg, 
Foto: Johannes Zinner.

 

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