Friedhofslinie 71: Ein Portrait

Kaum eine andere Linie hat es so ins Gedächtnis der Wienerinnen und Wiener geschafft wie der 71er. Seit über 100 Jahren bringt sie tagtäglich 30.000 Menschen bis zum 3. Tor des Zentralfriedhofs. An Allerheiligen sogar mit verdichteten Intervallen. Grund genug, ihr ein Linienportrait zu widmen.

Die Linie 71 fährt den ersten Teil ihrer Strecke auf der Ringstraße entlang. Vorbei an Museen und Theatern fährt sie dorthin, wo es ruhig wird. Zwei Friedhöfe liegen auf der Strecke bzw. ganz in der Nähe: neben dem Zentralfriedhof auch der St. Marxer Friedhofspark. Mit einmal umsteigen auf die Linie 76A oder 76B ist auch der Friedhof der Namenlosen beim Alberner Hafen erreichbar.

Der Sankt Marxer Friedhofspark

Im Jahr 1784 wurden außerhalb des Linienwalls (eine leichte Befestigungsanlage zwischen den Vorstädten und Vororten Wiens) fünf „communale Friedhöfe“ errichtet. Grund dafür waren Seuchen- und Hygieneverodnungen. Einer dieser fünf Friedhöfe ist jener in St. Marx. Die Bevölkerungsexplosion ab Mitte des 19. Jahrhunderts hatte zur Folge, dass die Friedhöfe aus allen Nähten platzten. Aus diesem Grund wurde der Zentralfriedhof errichtet und 1874 in Betrieb genommen. Damit fanden auf dem Friedhof in St. Marx keine Bestattungen mehr statt, die vorhandenen Gräber wurden aber weiterhin besucht. Erst 1922 wurde beschlossen, alle fünf kommunalen Friedhöfe in Parks umzuwandeln. Der St. Marxer Friedhof wurde  unter Denkmalschutz gestellt. Auf den 60.000 Quadratmetern sind von den ursprünglich 8.000 Gräbern noch 5.653 erhalten. Die meisten kommen aber nur wegen eines hier Begrabenen hierher:

Doch dabei ist gar nicht bekannt, wo Joannes Chrysostomus Wolfgangus Theophilus Mozart denn genau begraben wurde. Eine Kennzeichnung des Grabes gab es nicht. Auch seine Witwe Constanze soll es nicht gewusst haben. An jener Stelle, an der sein Grab liegen soll, steht heute ein Denkmal.

Der Friedhof der Namenlosen beim Alberner Hafen

Während man bei Mozart die genaue Stelle nicht 100-prozentig weiß, sieht es bei diesen Gräbern umgekehrt aus. Denn zu ihnen fehlen in den meisten Fällen die Namen. In Albern schwemmte bis zum Jahr 1940 ein Wasserstrudel immer wieder Ertrunkene an. Die konnten nicht immer identifiziert werden und wurden ab 1840 gleich neben der Donau begraben. Weil der erste Friedhof aber immer wieder überschwemmt wurde, wurde im Jahr 1900 ein neuer, zweiter Friedhof der Namenlosen errichtet. Dort liegen 104 Wasserleichen begraben, nur 43 davon sind identifiziert. Auf den Kreuzen der anderen steht „Namenlos“ oder „Unbekannt“. Durch den Bau des Alberner Hafens änderte sich die Stromrichtung, weshalb keine Ertrunkenen mehr angeschwemmt wurden. In weiterer Folge wurde der Friedhof der Namenlosen im Jahr 1940 stillgelegt. Wasserleichen werden seither auf dem Zentralfriedhof bestattet.

Einen Besuch ist der Friedhof der Namenlosen in jedem Fall wert. Wer Lust hat, an einem kalten Herbsttag einen Spaziergang an der Donau mit einem Friedhofsbesuch zu kombinieren, sei aber vorgewarnt: Wenn außer dir weit und breit nichts zu hören oder zu sehen ist, kann ein leises Ästerascheln unheimlich erschreckend sein. Auch wenn es nur Eichhörnchen sind, die die Bäume raufklettern.

Den 71er nehmen!

Umgangssprachlich heißt „den 71er nehmen“, dass jemand verstorben ist und auf dem Zentralfriedhof begraben wurde. Die Wienerinnen und Wiener haben eine ganz besondere Verbindung zu „ihrem“ Zentralfriedhof. Zum einen (wortwörtlich) die Linie 71, die tagtäglich Trauernde aus ganz Wien hin befördert. Zum anderen aber auch die Art, wie sie einen der größten Friedhöfe Europas sehen. Wie sonst könnte sich ein Lied wie „Es lebe der Zentralfriedhof“ von Wolfgang Ambros erklären lassen?

Eröffnet wurde der Zentralfriedhof im Jahr 1874. Auf 2,5 Quadratkilometern (5 1/2 mal so groß wie der Vatikan) befinden sich rund 330.000 Grabstätten mit mehr als 3 Millionen Toten. Damit ist er flächenmäßig der zweitgrößte Friedhof (nach Hamburg-Ohlsdorf) und nach der Anzahl der Beigesetzten der Größte.  Aufgrund dieser Größe ist sogar eine eigene Buslinie auf dem Friedhofsgelände unterwegs. Die Ehrengräbergruppe mit 350 Ehrengräbern und mehr als 600 ehrenhalber gewidmeten Gräbern zieht Jahr für Jahr unzählige Touristen an. Die letzte Ruhestätte von Udo Jürgens,  das Grab von Falco und das Denkmal von Beethoven sind die meistbesuchten Orte am Zentralfriedhof.

Der Zentralfriedhof lebt übrigens wirklich! Denn neben Eichhörnchen, Feldhamstern und Fröschen leben auch Turmfalken und sogar Rehe auf dem Zentralfriedhof.

Die Bim fährt alle drei Tore an (die letzten drei der insgesamt 26 Stationen). Früher wurden auch Leichen mit dem 71er transportiert. Der Leichenwaggon wurde an eine reguläre Straßenbahn angehängt – und fuhr meist in aller Morgenfrühe – zum Zentralfriedhof. Die Leichentram fuhr die Strecke von 1918 bis 1928 – und dann wieder im 2. Weltkrieg.  Ein Modell des ersten Waggons kann im Bestattungsmuseum besichtigt werden. Ein Ausflug ins Museum lohnt sich! Im Wiener Linien Shop und dem Shop des Bestattungsmuseums kann man sogar ein Lego-Modell davon erwerben.

Ein Ausflug zu einem der drei Friedhöfe kann traurig sein, aber auch ruhig und gleichzeitig schön. Auch die Fahrt über den Ring mit all den architektonischen Meisterwerken zahlt sich aus. An Allerheiligen verkehrt die Linie 71 in verstärkten Intervallen.

Nach oben

Kommentare (2)

  • Für die, die sich noch daran erinnern möchten : vor gar nicht allzu langer Zeit gab es einen umfangreichen Allerheiligen-Sonderverkehr mit verschiedenen Linien, zuletzt: 35, 29, 46Z, 22, 74.

  • Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

    Tragen Sie Ihre Daten unten ein oder klicken Sie ein Icon um sich einzuloggen.

    Unser nächster Artikel
    Die extremsten Buslinien Wiens

    Nur zweimal im Jahr oder immer geradeaus: Das sind die extremsten Buslinien Wiens

    5 September 2018