Bus Linie 39A Wasserstoff-Versuchsbus

Der Wasserstoffbus: Er hat überzeugt!

Im Juni 2020 haben unsere ExpertInnen auf der Linie 39A einen Wasserstoffbus im Fahrgastbetrieb getestet. Wir haben bei Projektleiter Johannes Liebermann nachgefragt, was bei den Testfahrten herausgekommen ist und wie der Bus dabei abgeschnitten hat.

Wie haben Sie sich nach dem Test gefühlt? Was waren Ihre ersten Gedanken?

Ich war einfach fertig. So einen Test in der Praxis durchzuführen ist schon mit einem wahnsinnigen organisatorischen Aufwand verbunden. Wasserstoffbusse fallen ja nicht vom Himmel. Es gibt zurzeit tatsächlich nur ein einziges konkretes Modell, das in Europa zur Verfügung steht. Dieser Prototyp wird als heilige Kuh gehandelt und durch die Länder des Kontinents gereicht. Wir haben den Bus 2019 in Stockholm gesehen und uns seither bemüht, ihn nach Wien zu bekommen.

Wenn es dann endlich so weit ist, steht man bei so einem Test bis zur letzten Minute unter großer Anspannung. Gleichzeitig war ich aber auch extrem zufrieden und erleichtert, weil am Ende klar war, der ganze Aufwand hat sich ausgezahlt.

Warum war es für uns überhaupt so wichtig, so einen Test durchführen zu können?

Umweltfreundliche Antriebstechnologien stehen bei uns seit vielen Jahren im Fokus bei der Fahrzeug-Neubeschaffung. Wir verfolgen bei Bussen zwei Stoßrichtungen. Die eine ist der Ausbau der Busse mit Elektroantrieb – also Batteriebusse. Die andere ist der Einsatz von mit Wasserstoff betriebenen Bussen. Die Batterietechnik alleine ist heute nicht imstande, unsere Arbeitstiere, die Dieselbusse, abzulösen. Wasserstoff könnte hier ein Teil der Antwort sein. Die Ergebnisse am Papier dazu sind vielversprechend. Aber Papiere versprechen viel. Wir wollten das natürlich in der Realität überprüfen.

Hat sich der Testbus bewährt, sind Sie mit dem Ergebnis zufrieden?

Auf jeden Fall! Um es kurz zu sagen: Der Bus hat den Test nicht nur bestanden. Er hat voll überzeugt! Und das, obwohl wir die Latte bewusst recht hoch gelegt haben.

Präsentation Wasserstoffbus Garage Leopoldau
Der Wasserstoffbus bei der Präsentation in der Garage Leopoldau Anfang Juni.

Welche Erkenntnisse konnten Sie und Ihr Team gewinnen? Worauf haben Sie besonders geschaut?

Wir haben uns beim Test ja ganz bewusst für die Linie 39A entschieden. Die Linie hat eine anspruchsvolle Topografie, die die Fahrzeuge fordert, kurze Haltestellenabstände – das bedeutet viel Stop-an-go-Verkehr – und eine zum Teil recht verwinkelte Linienführung. Die Linie bietet alle Herausforderungen, die auf einen Linienbus der Wiener Öffis zukommen. Der von uns getestete Wasserstoffbus hat all diese Herausforderungen und Hürden gemeistert.

Wir wissen jetzt: Der Bus kommt auf die Reichweite, die wir im Linienbetrieb brauchen. Er ist in unserem Reichweitentest mit einer Tankfüllung von 25 Kilogramm auf 399 Kilometer gekommen. Wir hatten zwar ideale Witterungsbedingungen, mussten also weder viel heizen noch viel kühlen, aber diese Reichweite kommt fast schon in Dieselnähe und das ist wiederum die doppelte Reichweite von Batteriebussen. 25 Kilogramm Wasserstoff zu tanken, dauert nur zehn Minuten, das ist eine recht kurze Betankungszeit. Weitere Vorteile des Wasserstoffbusses sind, dass er so leise wie ein E-Bus ist und im Vergleich zum Dieselbus für Anrainer und Anrainerinnen angenehmer ist. Denn er ist gerade beim Anfahren – wo er am meisten Kraft braucht – geräuschlos.

Bus Linie 39A Wasserstoff-Versuchsbus
Der Wasserstoffbus während seiner Testfahrt auf der Buslinie 39A.

Man merkt, Wasserstoff als Antriebsform ist für Sie ein Perspektive für die Zukunft. Was hat Sie beim Test sonst noch begeistert?

Extrem positiv war, dass alle Beteiligten, egal ob MitarbeiterInnen aus unserem Unternehmen oder externe Partner, offen und ehrlich zusammengearbeitet haben. Das Argument „Geht nicht!“ hat’s nicht gegeben, sondern immer nur „Wie könnte es denn gehen, was müssen wir tun, damit es funktioniert!“. Im Laufe des Projekts hat sich eine richtige Wasserstoff-Allianz gebildet.

Phantastisch war es auch, die Reaktionen der Fahrgäste zu beobachten. Auch hier durch die Bank Begeisterung. Viele Leute wollten unbedingt mitfahren und haben mehrere Busse abgewartet, bis endlich der Wasserstoffbus gekommen ist.

Und was haben die Kollegen gesagt, die mit dem Bus während des Test gefahren sind?

Der Bus hat auch die Kollegen der Versuchsgruppe überzeugt. Er ist gut zu fahren, beschleunigt gut – wie am Gummiband. Er hat eine ähnliche Fahrdynamik wie ein Dieselbus, ist schnell zu betanken und hat eine gute Reichweite. Also ein Fahrzeug mit Potential, das mittelfristig unsere Dieselbusse ablösen kann.

Wasserstoffbus Leopoldau präsentation Busfahrer
Unser Busfahrer fährt den Wasserstoffbus sehr gerne.

Wie geht es jetzt weiter?

2023 sollen insgesamt zehn Wasserstoffbusse durch Wien fahren. Selbstverständlich gilt es hier, noch gewisse Herausforderungen zu lösen. Zu der gehört auch die Infrastruktur. Das ist ein bisschen ein Henne-Ei-Problem. Es gibt kaum Wasserstofftankstellen, denn die Tankstellen sagen, es gibt ja keine Fahrzeuge dafür. Die werden wiederum nicht angeschafft, weil es keine Tankmöglichkeiten gibt. Im Moment gibt es landesweit überhaupt nur eine Wasserstofftankstelle, die sich in Graz befindet.

An dieser Stelle muss man die Wiener Netze und Wien Energie nennen, die uns schon beim Test unterstützt haben. Mit der Beschaffung des in Zukunft nötigen Wasserstoffs ist Wien Energie betraut. Diesbezügliche Forschungsarbeiten stehen für den Energiedienstleister derzeit an oberster Stelle. Ziel ist es, Möglichkeiten zur Produktion von grünem Wasserstoff zu finden. Ein erstes Konzept dazu soll bis Jahresende erarbeitet werden. Wenn alles wie geplant läuft, könnte eine Elektrolyseanlage in Wien errichtet werden, in der – aus mit erneuerbarer Energie erzeugtem Strom – grüner Wasserstoff produziert wird.

Wasserstofftankstelle Leopoldau
Die Wasserstofftankstelle in Leopoldau in ihrer vollen Pracht.

Johannes Liebermann ist technischer Fachassistent in der Abteilung F53 Kraftfahrzeuge.

Liebermann hat an der Fachhochschule Technikum Wien studiert und 2012 sein ITS-Masterstudium abgeschlossen. Er arbeitete im Bereich der Flugsicherungstechnik bei der Austro Control und war dann für die Einrichtung der nationalen Kontaktstelle für automatisiertes und vernetztes Fahren sowie die Erstellung des nationalen Aktionsplans für automatisiertes Fahren bei AustriaTech verantwortlich. Seit 2017 arbeitet er bei den Wiener Linien. Bevor er sich um den Wasserstoffbus gekümmert hat, war er schon für den ersten autonom fahrenden Bus verantwortlich.

Johannes Liebermann Wasserstoffbus Interview
Johannes Liebermann. Vor ihm auf dem Tisch zu sehen: eine Brennstoffzelle.
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Kommentare (2)

  • Das mit den Tankstellen stimmt so nicht. Die OMV betreibt in Österreich 5 Wasserstofftankstellen (ich Glaube in Kooperation mit Linde Gas). Eine sogar in Wien in der Shuttleworthstrasse.

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