Amerikaner Straßenbahn

Ein Amerikaner in Wien: ein Hoch auf unsere legendäre Nachkriegs-Bim

Nach dem zweiten Weltkrieg wurden Straßenbahnen aus New York nach Wien gebracht. Der „Amerikaner“ eroberte die Herzen der WienerInnen im Sturm. Zum 70. Geburtstag widmen wir ihm ein Porträt.

Wien nach dem Zweiten Weltkrieg: Überall herrschen Not und Mangel. Auch bei den Wiener Verkehrsbetrieben, deren Fuhrpark stark dezimiert ist: Von den rund 4.000 Straßenbahn- und Stadtbahnfahrzeugen sind fast alle beschädigt, über 400 müssen ausgeschieden werden, weil die Instandsetzung nicht möglich oder wirtschaftlich sinnvoll ist.

In dieser Zeit der Knappheit und Entbehrungen kann die heimische Waggonbau-Industrie keine neuen Straßenbahnen liefern. Nur dringend nötige Reparaturen können bewerkstelligt werden.

Bims aus New York für das zerstörte Wien

Da kommt eine Information der amerikanischen Besatzungsmächte wie gerufen: In New York werden Straßenbahnstrecken eingestellt, Wien kann einige der nicht mehr gebrauchten Straßenbahnwagen kaufen.

Und so kommen im Sommer 1949 insgesamt 45 Garnituren der Third Avenue Transit Corporation nach Wien. Sie reisen per Schiff von New York nach Rotterdam, von dort geht es mit der Eisenbahn über die Niederlande und Deutschland nach Wien.

Die Wagen aus New York werden am Bahnhof Wien-Rodaun abgeladen. Juni 1949

Modern, komfortabel – und schon bald legendär

Die amerikanischen Fahrzeuge sind nicht nur modern, sondern auch äußerst komfortabel. Sie haben automatische Falttüren, die elektrisch vom Fahrerplatz aus geöffnet werden, und herunterklappbare Trittbretter – für die damalige Zeit revolutionär! Die Wagen sind übrigens die ersten in Wien, deren Türen während der Fahrt geschlossen bleiben.

Amerikaner Straßenbahn in der Remise
Die „Amerikaner“ sind extra breit und sehr komfortabel. 

Außerdem sind die Wagen schnell und fahren auch bei hoher Geschwindigkeit angenehm ruhig. Von der Tagespresse gelobt wird die „feenhafte“ Innenbeleuchtung.

Bei den Fahrgästen besonders beliebt sind die breiten Zweierbänke mit den gepolsterten Sitzen, deren Lehnen umgeklappt werden können, sodass man immer in Fahrtrichtung sitzt.

Rote Ledersitze in der Straßenbahn
Die WienerInnen lieben den „Amerikaner“ vor allem wegen der komfortablen Sitze: Sie sind gepolstert und haben umklappbare Lehnen.

Fazit: Die WienerInnen lieben ihre neue Straßenbahn und taufen sie kurzerhand „Amerikaner“. Eine Legende ist geboren.

Ab 1950 im nördlichen Straßenbahnnetz im Einsatz

In Wien sind die Triebwagen als Type Z im Einsatz. Ihr erster Betriebstag ist der 13. März 1950 auf der Linie 331. Die Strecke führt von der Schleife Eßlinggasse am Franz-Josefs-Kai über Augartenbrücke, Obere Donaustraße, Gaußplatz, Jägerstraße, Wallensteinplatz, Stromstraße, Marchfeldstraße, Floridsdorfer Brücke, Floridsdorfer Hauptstraße und Brünner Straße bis Stammersdorf.

Nur im Amerikaner: Fahrgastfluss und Herzerl-Markierung

Da die „Amerikaner“ ein sehr großes Fassungsvermögen haben (46 Sitzplätze, 47 Stehplätze), wird der „Fahrgastfluss“ eingeführt: Erstmals bei der Wiener Straßenbahn müssen die Fahrgäste hinten ein- und vorne aussteigen. Durch die große Anzahl an Fahrgästen müssen auch die Schaffner entlastet werden. Damit sie nicht wie sonst üblich in jeden Fahrschein mehrere Löcher mit einer Rund-Lochzange zwicken müssen, erhalten sie extra für den „Amerikaner“ Lochzangen, die herzförmige Löcher stanzen – einzigartig und sofort erkennbar.

Beliebt, aber schwierig: eine Ära geht zu Ende

So beliebt die „Amerikaner“ auch sind, im Betrieb gibt es zahlreiche Schwierigkeiten. So können die Wagen wegen ihrer übergroßen Breite (knapp 2,5 Meter) nicht im ganzen Netz fahren, sondern nur auf Strecken mit größerem Gleisabstand – also vorrangig jenen der Dampftramway bzw. auf eingleisigen Strecken. Einsatzgebiete sind daher die Linien vom Schottenring, Schleife Eßlinggasse, über die Floridsdorfer Brücke nach Stammersdorf (Linien 31 und 331) und nach Strebersdorf (Linien 32 und 132).

Auch haben manche Fahrer Schwierigkeiten mit der ungewohnten Druckluftbremse, deren Bedienung sehr viel Gefühl erfordert. Nachteilig sind außerdem der mittige Stromabnehmer, der eine Adaptierung der Oberleitung nötig macht, und die Tatsache, dass keine Beiwagen mitgeführt werden können.

Als schließlich die Straßenbahnverordnung 1957 in Kraft tritt, wird das Fehlen von Schienenbremsen zu einem Problem, da die „Amerikaner“ jetzt nur mehr maximal 25 km/h fahren dürfen. Auch die Modernisierung des Fuhrparks macht das Einsatzgebiet der „Amerikaner“ in Wien immer kleiner. Und so geht ihre Ära mit dem Einziehen der „Blauen“ am 5. September 1969 zu Ende.

Letzter „Amerikaner“ im Verkehrsmuseum Remise zu bestaunen

Obwohl insgesamt nur 42 Wagen dieser „exotischen“ Bauart in Wien verkehrten, waren sie doch viel stärker im Bewusstsein der Wiener Bevölkerung verankert als so manche „einheimische“ Wagentype. Und da sie in den USA nur neun, in Wien aber zwanzig Jahre im Einsatz waren, könnten wir sie eigentlich „Wiener“ nennen 😉

Das letzte Exemplar der Type Z, der Wagen mit der Nummer 4208, hat seine Heimat in unserem Verkehrsmuseum Remise gefunden, wo er sich über Besuch freut.

Verkehrsmuseum Remise der Wiener Linien

Ludwig Koeßler Platz, 1030 Wien
www.remise.wien

www.wienerlinien.at/remise360

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Kommentare (4)

  • Der Amerikanische in Stammersdorf. Und am Weg dorthin zwischen den Schnürstellen, mitten in der Pampa: die Haltestelle „Betriebsausweiche“ .
    Legendär

  • Soweit ich mich erinnere war der „Amerikaner“ auch auf der Linie 11 im Einsatz.
    Und er war nicht nur beliebt – viele Passagiere regten sich über die viel zu hohe Einstiegsstufe auf :).

  • Eigentlich eine Schande wie die Museumsfahrzeuge verkommen. Frueher wurde geworben, dass die Fahrzeuge immer fahrbereit sind. Nun haben die meisten keine Zulassung wegen schlechter Wartung. So was sollte in Wien nicht passieren

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