Die Mitarbeiterinnen der Wiener Linien sind auch am Heiligen Abend im Einsatz.

Weihnachtsengel sieht man nicht

„Alles schläft, einsam wacht …“ Für ein Transportunternehmen wie die Wiener Linien ist Weihnachten ein Tag wie jeder andere: Es gilt, Hunderttausende, sicher von A nach B zu bringen – auch, damit sie Weihnachten mit ihren Liebsten feiern können. Ein Detail wird da aber oft übersehen: Für den Betrieb von Straßenbahnen, Bussen und U-Bahnen braucht es Menschen. Menschen, die dann selbst auf den Heiligen Abend verzichten müssen.

Manchmal ist das, was auf den ersten Blick blöd ist, auf den zweiten sogar gut. Dienst am Feiertag etwa kann beim Feiern sogar hilfreich sein. Beinahe – und wenn man mit Humor und Gelassenheit hinsieht. So wie Yvonne Frey: „Wir haben eine sehr große Familie“, lacht sie „und wenn wir mit allen Weihnachten feiern wollen, dauert das.“ Und feiern ist durchaus auch anstrengend. Denn zu Familienfeiern im Allgemeinen und Weihnachten im Besonderen gehört Essen. Gut – und viel. Mehrgängig zu den Mahlzeiten – und Kekse zwischendurch. Wenn man zu den Feiertagen bei Eltern, Schwieger- und Großeltern sowie Onkeln und Tanten vorbeischauen soll, ist das zwar fein – aber auch anstrengend: So blöd, meint Yvonne Frey, sei es da gar nicht, wenn man mit den Familienbesuchen schon einen Tag früher beginnt – und dafür die perfekte Entschuldigung hat: Den Dienstplan.

Yvonne Frey arbeitet zu Weihnachten im Kundendienst.

Denn zum Job der 20-jährigen Mitarbeiterin des Kundendienstes der Wiener Linien gehört es auch, Heiligabend im Öffi-Kundendienstzentrum in Wien-Erdberg zu verbringen. Statt Baum, Kerzen und Sternspritzern gibt es Bildschirm, Netzplan und Headset – und statt Weihnachts- oft Klagelieder: Mit „schöne Bescherung“ ist da meist ein Problem gemeint. Auch wenn es meist nur kleinere Sorgen sind – oder Anfragen zu Fahr- und Routenplänen. Bevor sie zum Kundendienst wechselte, war die Wienerin in der Abteilung für „Mehrgebühren“ – sie erledigte die Kommunikation mit erwischten Schwarzfahrern. Weihnachten war dort tatsächlich ein Thema: „Da kam immer die Frage, ob wir nicht eine Weihnachtsausnahme oder ein Weihnachtsgeschenk machen könnten …“

Nur: So besonders Weihnachten emotional sein mag, betriebstechnisch sind Feiertage Tage wie alle anderen auch. Denn auch wenn am 24. Dezember ab Nachmittag deutlich weniger los ist, wenn statt Einkäufen, Rucksäcken oder Aktentaschen eher Geschenke und – in letzter Sekunde gekaufte – Christbäume transportiert oder vergessen werden, gelten die gleichen Regeln und Sicherheitsauflagen – und von Seiten der Fahrgäste die gleichen Erwartungen wie sonst: Sicher, schnell, und zuverlässig von A nach B zu kommen.

Die Wiener Linien bringen alle stressfrei und sicher durch den Heiligen Abend.

Dass die Öffis in Wien jeden Tag im Jahr gleich verlässlich funktionieren, ist für die Wienerinnen und Wiener selbstverständlich. Über Selbstverständliches denkt niemand nach. Also auch nicht darüber, dass dieses riesige Werkel nur funktionieren kann, wenn es Menschen gibt, die dann, wenn alle daheim bei den Familien sind, genau das Gegenteil von rasten, entschleunigen oder feiern tun: Weil sie arbeiten – auch zu Weihnachten: Weihnachtsengel sieht man nicht.

Yvonne Frey ist einer dieser Engel. Einer von vielen. Und auch wenn es ihr erster Heiliger Abend am Kundendiensttelefon sein wird, weiß sie jetzt schon, dass Weihnachten ein besonderer Tag werden kann: Einer, an dem einsame Menschen das Alleinsein ganz besonders spüren – und einfach wen zum Reden suchen. „Das gibt es auch während des Jahres. Dass wer anruft, eine Frage stellt – und man beim Satz hört, dass es um ganz was Anderes geht: Um Schmerzen. Ängste. Oder eben Einsamkeit.“ Was sie da tut? „Wenn niemand in der Warteschlange ist, hört man eben eine Zeit lang zu. Tun im eigentlichen Sinn können wir da nichts -– aber darum geht es dann auch gar nicht.“ Wenn der Bildschirm aber zeigt, dass noch andere Anrufer warten, geht der Job über das Mitgefühl. Aber schon dieses kurze Dagewesen-Sein hilft – und ist sinnvoll. „Manchmal rufen Kinder nur aus Jux die Nummer an, die bei jeder Haltestelle steht. Sogar dieses Blödeln hat einen positiven Effekt: Wer bei uns anruft, erlebt, dass da jemand ist. Immer – auch zu Weihnachten.“ Das bringt Sicherheit und Vertrauen und „das ist es allemal wert, dass ein paar von uns einen Tag später feiern.“ Oder früher.

Claus Empacher sitzt auch am Heiligen Abend gern in der Bim.

Ortswechsel. Eine Kaffeeküche in Favoriten. Nüchtern, praktisch – reichlich schmucklos. Auf einem Kasterl im Eck steht ein 25 Zentimeter hoher Plastikchristbaum – und wird kaum beachtet. „Weihnachten ist eben ein Tag wie jeder andere“, sagt Claus Empacher, rührt im Kaffee und schaut auf den Baum, als sähe er ihn zum ersten Mal.

Dann überlegt er kurz – und korrigiert sich selbst: „Eigentlich stimmt das so nicht: Am Vormittag ist – wenn der Heilige Abend nicht wie heuer auf einen Sonntag fällt – nämlich wahnsinnig viel los. Sobald die Geschäfte aufsperren, wurlt es. Da fragst dich, wo all diese Leute plötzlich herkommen.“ Und wohin sie wieder verschwinden. „Ab dem frühen Nachmittag wird es dann immer ruhiger – erst am Abend, ab 21 Uhr, ist dann wieder mehr los: Da fahren sie von der Bescherung heim.“

Claus Empacher ist Straßenbahnfahrer. Sein „Heimatbahnhof“ ist in Favoriten – von dort aus befährt der 51-Jährige seine Strecken, die Linien D, O, 1, 6, 18 und 71. Dass er – der vierfache Familienvater – regelmäßig Weihnachtsdienst hat, stört ihn nicht. Die Kinder sind schon erwachsen, Enkel aber noch keine in Sicht: Da ist Vor- oder Nachfeiern familiär kein großes Ding. Wenn dafür bei Kollegen die Geschichte von den „leuchtenden Kinderaugen“ termingerecht wahr werden können, ist das Empacher – so wie den meisten, die an den Feiertagen arbeiten – dieses Opfer wert. „Ich hab mich heuer für eine zweite Schicht zu Weihnachten gemeldet. Auch damit die, denen es wichtig ist, bei der Familie sein können.“

Claus Empacher feiert mit seiner Familie entweder vor oder nach.

Dass er an Weihnachten dann quasi vorbeifährt, bekommt Claus Empacher natürlich mit. Aus vielen Fenstern entlang der Strecke kommt am 24. Dezember am Abend anderes, weicheres Licht als das übliche Fernseh-Blau. „Ich sehe das nur aus dem Augenwinkel: Beim Fahren hast echt keine Zeit, in der Gegend herumzuschauen.“ Denn Straßenbahnfahren ist – auch nach siebeneinhalb Jahren im Fahrerstand – immer noch „Adrenalin pur“: „Ich habe bisher zum Glück nur ein paar kleinere Blechschäden gehabt. An keinem einzigen war ich schuld. Aber manchmal nutzt dir alle Vorsicht nix: Ein Schienenfahrzeug kann nicht ausweichen.“ Straßenbahnfahrer, meint Empacher, seien eher Ganzjahres-Schutzengel denn Weihnachtsengel: „Was zählt, sind die Unfälle, die jeder von uns vermeidet, weil er für andere mitdenkt. Das sind pro Schicht unzählige."

Trotzdem spürt man Weihnachten im Zug ebenso wie im Bus: „Weil man die Stimmung mitbekommt.“ Rund um die Bescherung herum sei nicht nur das Gepäck anders. Auf manchen Linien wären mehr ältere Menschen – Großeltern am Weg zur Familie mit den Kindern – unterwegs. Manche sind festlicher angezogen. Und jene ältere Dame, die ihm beim Aussteigen immer ein Zuckerl reichen will („das ich aber nie annehme“), verabschiede sich statt mit „Danke“ eben mit „Frohe Weihnachten“. Aber, sagt Claus Empacher, „das war es eigentlich schon. Den größeren Stimmungsunterschied gibt es zu Silvester.“ Und da setze er dann – bei der letzten Fahrt –  schon mal eine blinkende Weihnachtsmannmütze auf. Fahrgäste und Passanten fänden das lustig und gäben ihm „thumbs up“ – obwohl das „natürlich so gar nicht der Dienstvorschrift entspricht. Aber auf der letzten Runde …“

Andreas Liendl sorgt in der Leitstelle in Erdberg für einen reibungslosen Ablauf.

Apropos Vorschrift: Weil die natürlich auch zu Weihnachten gelten und es man vielleicht bei der Mütze aber sicher nicht bei der Sicherheit einmal ein Auge zudrücken kann, ist die Erdberger Leitstelle der Wiener Linien auch zu den Feiertagen ganz normal besetzt. „Auch wenn manche Kollegen Kekse mitbringen: Der Job ist genau der gleiche“, erklärt Andreas Liendl – auch wenn der 29-Jährige lieber daheim wäre: Er hat zwei Kinder im Kindergartenalter – und die kriegen natürlich mit, dass das ein besonderer Abend ist. „Aber das ist Teil meines Jobs. Es geht nicht anders – und wir feiern nach.“

Auch, weil der Baum der Familie Liendl dort stehen wird, wo er hingehört: im Wohnzimmer. Liendl hat ihn vom Christbaumhändler ums Eck nach Hause getragen. Denn mit den Öffis ist der Christbaumtransport – aus Sicherheits- und Platzgründen – nicht erlaubt: Auch wenn manche Fahrer da mitunter ein Auge zudrücken, wenn der Baum klein und das Fahrzeug leer ist: Als Mitarbeiter des Unternehmens geht das natürlich nicht.

Bus, Bim und U-Bahn gibt es auch als Deko für den Weihnachtsbaum.

Wenn Sie zu Weihnachten mit Bus, Bim oder U-Bahn unterwegs zu Ihren Liebsten sind, dann denken Sie doch auch kurz an jenen Menschen, der Sie sicher an Ihr Ziel bringt. Denn diese Menschen arbeiten, damit Sie feiern können.

Frohe Weihnachten!

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Kommentare (1)

  • Auch die (Ex-) Kollegen von der Oberleitung sind immer und rund um die Uhr im Einsatz, egal ob Oberleitungsgebrechen, Stromschienenstörung oder eine kaputte Weiche der Strassenbahn, es wird alles repariert!

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