Historische Gemäuer für Generationen

Fast 120 Jahre alt und nach der Generalsanierung wieder fit für die Zukunft: Die U6-Station Alser Straße von Otto Wagner ist mehr als eine U-Bahn-Station.

Sie ist jetzt auch ein Verkehrsdenkmal.Sie blickt auf fast 120 Jahre Stadtgeschichte zurück und hat als „Zeitzeugin“ viel erlebt.  Architekt Otto Wagner hat sie einst als Stadtbahn-Station entworfen. Heute ist die U6-Station Alser Straße ein stolzes Verkehrsdenkmal.

Die Eröffnung der Stadtbahn am 9. Mai 1898 ließ sich auch Kaiser Franz Josef nicht entgehen. Eine Gedenktafel in der U6-Station Alser Straße erinnert daran. In der Hektik des Alltags fällt sie kaum auf. Das Besondere liegt oft im Detail verborgen. Wie ein altes Stadttor thront das Stationsgebäude am Gürtel mit seinen hohen Säulen in den Eingangsbereichen. Die alten Lampen, die Backsteingewölbe in der Halle, die weiße Fassade, grüne Fenster und Türen.

Infotafel zum Verkehrsdenkmal auf dem Bahnsteig.
Infotafel zum Verkehrsdenkmal auf dem Bahnsteig.

Es reicht ein Blick, um zu sehen: Die Station aus der Zeit des Jugendstils ist besonders, kein reiner Zweckbau, sondern ein Denkmal. Darauf wollen Wiener Linien, Wien Museum und Bundesdenkmalamt mit der neuen Bezeichnung Verkehrsdenkmal hinweisen. Die Station ist Teil des kulturellen Erbe Wiens, wie viele Baudenkmäler, die Otto Wagner als wichtigster heimischer Architekt seiner Zeit der Stadt hinterlassen hat. Man denke an die Kirche am Steinhof oder das Gebäude der Postsparkasse. Die Bedeutung Wagners sieht man auch daran, dass er 1986 am damaligen 500-Schilling-Schein verewigt wurde.

Im Sommer 2014 haben die Wiener Linien mit der Generalsanierung des Stationsgebäudes begonnen. Ende 2015 werden die wesentlichen Arbeiten fertig gestellt. Ziel war es, die Gebäudesubstanz so zu sanieren, dass das Jugendstiljuwel für künftige Generationen erhalten bleibt. Gleichzeitig sollte das stolze Monument der Vergangenheit in die Moderne geführt werden. Die Station steht unter Denkmalschutz. Das heißt, sie musste unter den Auflagen des Denkmalamtes und möglichst originalgetreu saniert werden. Dennoch muss sie auch den Anforderungen des modernen U-Bahn-Betriebes entsprechen. Im Abstand weniger Minuten halten hier bis zu 200 Tonnen schwere Züge, rund 30.000 Fahrgäste frequentieren die Station täglich.

Bahnsteig vor der Sanierung und danach mit originalem Fliesenmuster Otto Wagners und Blindenleitsystem.
Bahnsteig vor der Sanierung und danach mit originalem Fliesenmuster Otto Wagners und Blindenleitsystem.

Heute ist die Station barrierefrei, Lifte führen auf den Bahnsteig. Seit der Generalsanierung gibt es ein durchgängiges Blindenleitsystem – heute Standard im U-Bahn-Bau, am Ende des 19. Jahrhunderts noch kein Thema. Jede Abweichung vom Original muss mit dem Bundesdenkmalamt abgestimmt werden. Etwa die neuen LED-Leuchten, die für mehr Helligkeit sorgen und Energie einsparen, oder auch  der Einbau neuer Videokameras sowie die Gestaltung neuer Mistkübel.

Während der Stationssanierung blieb kaum ein Stein auf dem anderen. Die alten Bahnsteige wurden abgetragen und neu errichtet, die Treppen zum Bahnsteig sind neu, auch Türen und Fenster sind saniert sowie die Bahnsteigdächer aus Holz oder die Säulen, die sie stützen. Ins Auge sticht der historische Fliesenbelag, der an das Original von Otto Wagner angelehnt ist. Saniert ist natürlich auch die Fassade und strahlt nun wieder im Weiß der Jahrhundertwende.

Abbruch der alten Bahnsteige, ehe mit der Errichtung der neuen Bahnsteige begonnen werden konnte.
Abbruch der alten Bahnsteige, ehe mit der Errichtung der neuen Bahnsteige begonnen werden konnte.

Apropos weiß: die Farbe ist auch so eine Besonderheit. Keine neu gebaute U-Bahn-Station würde heute so gestaltet werden. Zu verschmutzungsanfällig, würde jeder Bauherr zu Recht sagen. Diverse Schutzbeschichtungen haben sich daran schon versucht, die Fassade zu schützen. Als wirksam hat sich bisher aber nichts herausgestellt. Die Mauer aus Sandstein lässt sich nicht mit einem Hochdruckreiniger bearbeiten, wie es bei modernen Baumaterialien möglich ist. Das Mauerwerk würden feucht und beschädigt werden. Die weißen Wände verzeihen nichts. Keinen gegen die Wand gelehnten Fuß und keine Schmiererei.

Um die Verschmutzungen an den Bahnsteigwänden zu reduzieren, gingen die Wiener Linien mit der Verlegung von Steinplatten als Sockelleisten neue Wege. Sie sollen Verschmutzungen des Mauerwerks – etwa durch angelehnte Füße – reduzieren und sind leichter abwaschbar. Wo der Stein endet, sieht man schon kurz nach der Sanierung wieder Verunreinigungen. Ein höherer Steinsockel wäre eine zu starke Abweichung vom Original und daher mit dem Denkmalschutz nicht vereinbar. Deshalb müssen die Verschmutzungen etwa alle ein bis zwei Jahre übermalt werden.

Bahnsteigwände vor der Sanierung und danach inklusive neu gestalteter Vitrinen.
Bahnsteigwände vor der Sanierung und danach inklusive neu gestalteter Vitrinen.

Alle Beteiligten an der Generalsanierung eint ein Ziel: das Jugendstiljuwel zu erhalten und möglichst lange erstrahlen zu lassen. Auch aus diesem Grund erinnern nun seit Mitte Dezember 2015  Informationstafeln bei den Eingängen und auf den Bahnsteigen. Sie sollen auf die historische und kulturelle Bedeutung dieser Station und Otto Wagners visionärer Planung aufmerksam machen und ein Bewusstsein schaffen. In der Hoffnung, dass jeder und jede achtsam mit den alten Gemäuern umgeht, damit das Verkehrsdenkmal auch künftigen Generationen in seiner ganzen Pracht erhalten bleibt.

2016 und in den Folgejahren geht die Sanierung der historischen Stationen Otto Wagners in der Währinger Straße weiter.

Überblick zu weiteren Baudenkmälern, die Otto Wagner Wien hinterlassen hat.

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Kommentare (1)

  • Steinsockel ok. Eine weiße, beschichtete, abwaschbare Verkleidung hielte ich auch für denkbar, das wäre optisch näher am Original.

    Mit der Beleuchtung insbesonders in den Stiegenhäusern bin ich überhaupt nicht einverstanden.Sind so viele Lux wirklich nötig? Wie in einem OP! Außerdem sind die Leuchten meiner Ansicht nach sehr unsensibel angbracht, in jeder Station unterschiedlich. Offensichtlich eine schnelle Technokraten-Lösung. Mit einer durchgängigen Lichtplanung wäre eine würdigere Lösung möglich.
    Architekt
    Bernhard Schmidt

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