In der U3-Station Rochusgasse entdecken die Fahrgäste römische Exponate.

U-Bahn-Fahrt durchs alte Wien

Bei einem Spaziergang durch die Stadt entdeckt man zahlreiche historische Gebäude. Schnell wird klar, wie lang und ereignisreich die Geschichte Wiens ist. Aber auch im U-Bahn-Netz passieren die Fahrgäste täglich Zeugen des alten Wiens.

Die Entscheidung, eine U-Bahn zu bauen, freute in den 1960er Jahren nicht nur zahlreiche Wienerinnen und Wiener. HistorikerInnen und ArchäologInnen waren gespannt, was sich unter der Erdoberfläche verbarg. Auch heute, wenn für den U-Bahn-Ausbau Grabungen notwendig sind, werden ForscherInnen über die geplante Streckenführung informiert. Sie stellen eine Übersicht über die bisherigen Funde zusammen und versuchen abzuschätzen, was in dem jeweiligen Gebiet noch gefunden werden könnte.

ArchäologInnen, von Anfang an dabei

Anfang der 1970er Jahre, als die Bauarbeiten für die U-Bahn begannen, waren ArchäologInnen im Bereich des Stephansplatzes und des Grabens im Einsatz. Aus historischen Dokumenten wussten sie von einer „Maria-Magdalena-Kapelle". Einige Informationen deuteten darauf hin, dass es fast an derselben Stelle auch eine unterirdische, auf den heiligen Virgil geweihte Kapelle gegeben hatte. Tatsächlich kam nach der Freilegung der Fundamente und Gräber der Maria-Magdalena-Kapelle in zwölf Metern Tiefe die Virgilkapelle ans Tageslicht. Die Kapelle sollte unbedingt erhalten und nicht wieder vor der Öffentlichkeit versteckt werden. Daher nahm die U-Bahn-Planung auf die Kapelle Rücksicht. Die PlanerInnen integrierten das Bauwerk in die U-Bahn-Station. In einer seitlichen Nische der Station Stephansplatz können Interessierte durch ein Schaufenster einen Blick auf die Virgilkapelle werfen und die dazugehörige Ausstellung des Wien Museums besuchen. 

In der U-Bahn-Station Stephansplatz ist die Virgilkapelle zu sehen. Foto: Kollektiv Fischka/Kramar mit Sabine Wolf
In der U-Bahn-Station Stephansplatz ist die Virgilkapelle zu sehen. Foto: Kollektiv Fischka/Kramar mit Sabine Wolf

Zur Erinnerung wurden die Umrisse der Virgilkapelle und der Maria-Magdalena-Kapelle auch durch farbige Steine in die Pflastersteine des Stephansplatzes eingearbeitet.

Der Zugang zur Virgilkapelle ist neben der Ticketstelle zu finden.
Der Zugang zur Virgilkapelle ist neben der Ticketstelle zu finden.

Verbindung zwischen Alt und Neu

Nicht nur Gebäude prägen das Aussehen vieler historischer Städte, sondern auch ihre Stadtmauern. Zur Wiener Stadtmauer besaßen die ForscherInnen sehr genaue Informationen. Sie erwarteten, bei den Bauarbeiten zur U3 auf Überreste zu stoßen. Aus diesem Grund war bereits bei den Vorbereitungsarbeiten ab 1985 ein eigener U-Bahn-Archäologe dabei.

Das Stubentor war eines der Haupttore der alten Stadtmauer. Die Planung der dortigen U-Bahn-Station war daher so flexibel wie möglich, um je nach Ergebnis der Ausgrabungen die Stationsgestaltung anpassen zu können. Das Ziel war von Beginn an, so viele Mauerreste wie möglich zu erhalten und in die Station zu integrieren. Die Fahrgäste können das Ergebnis der Verbindung zwischen dem alten und neuen Wien seit der Eröffnung der Station 1991 täglich erleben.

Bei der Station Stubentor treffen sich das neue und das alte Wien.
Bei der Station Stubentor treffen sich das neue und das alte Wien.

Erinnerung an vergangene Tage

Auch bei der U3-Station Herrengasse gab es spannende Entdeckungen. Schon vor den Bauarbeiten wussten die ArchäologInnen von der Ludwigskapelle neben der Minoritenkirche. Sie gilt als eine der schönsten Kapellen. Später wurde sie jedoch zum Zinshaus umgebaut und um die Wende zum 20. Jahrhundert zugunsten des Baus des Bundeskanzleramtes und des heutigen Innenministeriums abgebrochen. Bei den Arbeiten zum Bau der U3 tauchten die Fundamente der Kapelle wieder auf. Was die ForscherInnen überraschte, war die drei Meter in die Tiefe reichende Krypta mit zahlreichen Gräbern, die unter der Kapelle entdeckt wurde. Die Skelette konnten zwar keinen berühmten Personen zugeordnet werden. Die Gräber und auch die Grabbeigaben wie Kreuze und Rosenkränze waren jedoch sehr gut erhalten. Das etwa ein Meter hohe Mauerwerk, das heute gleich vor der U-Bahn-Station zu sehen ist, zeichnet die Umrisse der Ludwigskapelle nach und soll an sie erinnern.

Blick in Zukunft und Vergangenheit

Beim Ausbau der U-Bahn kamen auch immer wieder kleinere Artefakte zum Vorschein, die heute in U-Bahn-Stationen zu sehen sind. Der steinerne doppelköpfige Adler, der als Symbol der Habsburgermonarchie an der Spitze der Gonzagabastei montiert war, kam bei Grabungen zum Vorschein. Heute ist er in der U1-Station Schwedenplatz ausgestellt.

In der U3-Station Rochusgasse entdecken die Fahrgäste römische Exponate.
In der U3-Station Rochusgasse entdecken die Fahrgäste römische Exponate.

In der U3-Station Rochusgasse sieht man in den Nischen gegenüber den beiden Bahnsteigen römische Steinexponate. Diese sind etwa 2000 Jahre alt und gehörten wahrscheinlich zu Grabmählern oder Tempeln aus der Zeit des Militärlagers „Vindobona" am Rande des Römischen Reiches. Sie sind in der Station Rochusgasse ausgestellt, weil eine römische Verbindungsstraße, die Limesstraße, genau über dieser verlief.

Jede U-Bahn-Fahrt geht einmal zu Ende, auch jene entlang der historischen Funde. Zum Abschluss wartet in der U3-Endstation Simmering eine Vitrinenwand, die einen Teil des Wiener Untergrundes zeigt. Sie fasst damit das Ergebnis der archäologischen Grabungen zusammen. In den nächsten Jahren, wenn die Bauarbeiten für die Stationen der U2-Verlängerung und der neuen U5 beginnen, sind vor dem Tunnelbau wieder die ArchäologInnen am Zug. In Hernals, wohin die U5 in einer weiteren Ausbaustufe hinführen soll, gab es zur Römerzeit zum Beispiel zahlreiche Werkstätten. Wir sind gespannt, was in Zukunft noch zutage kommen wird!

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