Gleisproduktion in der Oberbauwerkstätte.

Schwermetall in Schwerstarbeit

Die Oberbauwerkstätte der Wiener Linien produziert 8000 Meter Schienen pro Jahr für die laufende Erneuerung und Instandhaltung des Straßenbahn- und U-Bahnnetzes. Wir haben uns für euch angesehen, wie hier rund 1.200 Tonnen Stahl pro Jahr zu Gleisanlagen verarbeitet werden.

Am Stadtrand von Wien, in der Nähe des Zentralfriedhofs, lagern tonnenweise Schwermetall unter freiem Himmel. Hightech-Maschinen reihen sich aneinander. In der Oberbauwerkstätte arbeiten über 140 MitarbeiterInnen am Erhalt der Straßen- und U-Bahn-Infrastruktur. Geruch von Schwermetall und Schweißgeräten liegt in der Luft.

„Hier liegt jener Stahl, den wir demnächst auf verschiedenen Gleisbaustellen verarbeiten", erzählt Karl Diehs, Qualitätsmanager der Oberbauwerkstätte. Er zeigt auf ein schier unendliches Areal mit Schienensträngen. Der Lagerplatz unter freiem Himmel wirkt auf den ersten Blick wie der Abstellplatz für Altbestand. Doch der Schein trügt. „Das Material ist nagelneu! Die Schienenrohlinge sind im Freien der Witterung ausgesetzt. Die rötliche Färbung ist Flugrost. Die Straßenbahn fährt den Stahl später wieder glatt", erklärt Diehs.

1.200 Tonnen Stahl werden jährlich zu etwa 8000 Meter Gleis verarbeitet.
1.200 Tonnen Stahl werden jährlich zu etwa 8000 Meter Gleis verarbeitet.

Sommer, Sonne, Baustellenzeit

Im Wiener Bimnetz sind etwa 30 Gleisbaustellen pro Jahr vorgesehen. Hauptsaison ist März bis November. Um Einschränkungen für Fahrgäste gering zu halten, werden die meisten Gleisarbeiten im laufenden Betrieb und in der Nacht in Angriff genommen. Für die Planung und Produktion von 100 Meter Gleis benötigt man etwa sieben Tage. Wenn ein Gleisschaden eintritt, können wir innerhalb kürzester Zeit individuell angepasste Austauschstücke liefern.

Im Schnitt beträgt die Lebenszeit eines Straßenbahngleises etwa 20 Jahre. Die Haltbarkeit hängt dabei stark von der Lage der Schiene ab. Und davon, wie viele Straßenbahnen täglich über die Gleise fahren. Auch hohe Temperaturschwankungen können die Lebensdauer beeinflussen.

 

Bevor das Gleis überhaupt verlegt werden kann, muss eine Schiene einige Produktionsschritte durchlaufen.
Bevor das Gleis überhaupt verlegt werden kann, muss eine Schiene einige Produktionsschritte durchlaufen.

Nachhaltigkeit auf allen Linien

Bevor die Rohschienen verarbeitet werden, gelangen sie umweltfreundlich und per Bahn in die Oberbauwerkstätte. Angeliefert werden Vignolschienen für die U-Bahn sowie Straßenbahnschienen. Ausgediente Schienenstränge landen am Schrottplatz. Dank Recycling bekommen sie früher oder später ein neues Leben im Öffi-Netz.

Nach der Produktion werden die fertigen Schienen millimetergenau eingebaut.
Nach der Produktion werden die fertigen Schienen millimetergenau eingebaut.

In fünf Schritten zum neuen Gleis

Am Beginn der Gleisproduktion steht die Vermessung des Straßenbahngleises vor Ort. Tiefe und Krümmung der Schiene werden genau dokumentiert, damit sich das neue Gleis später nahtlos in den bestehenden Schienenstrang einfügen kann.

Bis eine Schiene zum Gleis wird, muss sie aber einige ohrenbetäubende und schweißtreibende Produktionsprozesse durchlaufen: Fräsen, Schneiden, Bohren, Biegen und Schweißen.

 

Funkenflug und Hightech-Säge

Einige Schienenrohlinge werden ohne Rille angeliefert und müssen erst gefräst werden. Dabei sprühen Funken in alle Richtungen und glühende, hauchdünne Stahlspäne fallen zu Boden. „Früher wurde der Stahl gehobelt, heute sind wir beim Fräsen bei einer Genauigkeit im Hundertstel-Millimeter-Bereich", erklärt Diehs.

Danach wird die Rohschiene auf die vorher festgelegte Länge zugeschnitten. Diese Arbeit übernimmt eine Hightech-Säge. „Und jetzt alle zurück hinter die Absperrung!" warnt Herr Diehs, während ein Kollege die letzten Einstellungen vornimmt und auf den roten Knopf drückt. 60 Kilo pro Meter wiegt eine Rillenschiene und trotzdem schneidet die Metallsäge den Stahl binnen weniger Minuten durch.

Um später Spurhalter befestigen zu können, werden Löcher in die bereits zugeschnittenen Schienenstränge gebohrt. In der Gleisanlage verbinden die Spurhalter je zwei Schienen und machen sie erst zum Gleis, auf dem die Straßenbahn fahren kann.

 

Bis zu 200 Tonnen wirken in der Biegemaschine auf die Schiene.
Bis zu 200 Tonnen wirken in der Biegemaschine auf die Schiene.

Stahlarbeit mit Feingefühl

Während einige Arbeitsschritte automatisch erfolgen, ist in vielen Bereichen handwerkliches Geschick gefragt - vor allem beim Biegen des kalten Stahls. Messpunkte müssen exakt markiert werden, damit die Maschine die geplante Krümmung der Schiene erreicht. Die Biege-Maschine könnte diesen Arbeitsschritt selbst übernehmen, mit Lineal und Kreide sind die Mitarbeiter dank jahrelanger Erfahrung aber schneller und genauer. „Diese Arbeit setzt Erfahrung und genaueste Handarbeit voraus. Unsere MitarbeiterInnen werden für solche Tätigkeiten speziell ausgebildet", so Diehs. Während die Schiene durch die Maschine gleitet, wirken an den Druckpunkten bis zu 200 Tonnen auf sie ein und biegen sie wie Gummi in die berechnete Form.

Der nächste und vorerst letzte Schritt passiert in einer großen Montagehalle. Der Geruch von Schweißgeräten lässt erahnen, worum es hier geht. Ungestüme Weichen-Konstruktionen werden hier montiert und Schienenstücke zu fertigen Gleisanlagen geschweißt. Beim Schweißen entstehen Vorwärmtemperaturen von bis zu 350°C und grelles Licht, das sogar bei geschlossenen Augen blendet. Gerade im Sommer ist es also kein Leichtes, in der Montage zu arbeiten. Dennoch ist dieser Schritt einer der wichtigsten: Beim Zusammensetzen der Einzelteile werden die letzten Überprüfungen vor dem Einbau vorgenommen.

 

Die Straßenbahn fährt auf einem 400 Kilometer langen Gleisnetz mit über 1.100 Weichen durch Wien.
Die Straßenbahn fährt auf einem 400 Kilometer langen Gleisnetz mit über 1.100 Weichen durch Wien.

Neue Gleise über Nacht

Ist ein Gleis fertig, wird die Gleisanlage transportfähig auf Einzelteile á 15 Meter zugeschnitten und auf Sattelzüge geladen. Mitten in der Nacht verlassen die LKW die Werkstätte, um die vier Stunden Betriebspause der Straßenbahn für die Neuverlegung von Gleisen zu nutzen.

Doch auch nach der Auslieferung der Gleise ist die Arbeit noch lange nicht zu Ende. „Wir betreuen auch die Gleisanlagen, warten und pflegen sie regelmäßig. Einige Wartungssysteme haben wir dabei selbst entwickelt", sagt Herr Diehs nicht ohne Stolz. Aber nicht nur in Wien liegen Gleise aus der Oberbauwerkstätte. Auch die Gleise für die Straßenbahn in Gmunden und für die Märchenbahn am Linzer Pöstlingberg wurden hier erzeugt.

 

Nach oben

Kommentare (6)

  • Tolle und interessante Geschichte!
    Gute Sachen gehören gewürdigt und werden diese meist in der Bedeutung nicht so wahrgenommen.
    Der einfache Bürger hat ja auch kaum Informationen über die im täglichen Gebrauch befindlichen genutzten Einrichtungen.
    Man möge es ihm/ihr aber nachsehen, da man ja schon ziemlich gefordert ist mit seiner täglichen Arbeit im Beruf und auch im Privatleben.
    Von meiner Seite aus ein dickes Lob und ja, man muss seine Leistung, den Wert seines Produkts der Allgemeinheit gut verkaufen können um sich und die gute Sache in ein rechtes Licht zu rücken!
    Das ist mit dieser Geschichte (Erhaltung und Erneuerung von Gleisen und Gleisanlagen) recht gut gelungen!

    Freundliche Grüße – Johann Caletka

  • Tolle und interessante Geschichte!
    Gute Sachen gehören gewürdigt und werden diese meist in der Bedeutung nicht so wahrgenommen.
    Der einfache Bürger hat ja auch kaum Informationen über die im täglichen Gebrauch befindlichen genutzten Einrichtungen.
    Man möge es ihm/ihr aber nachsehen, da man ja schon ziemlich gefordert ist mit seiner täglichen Arbeit im Beruf und auch im Privatleben.
    Von meiner Seite aus ein dickes Lob und ja, man muss seine Leistung, den Wert seines Produkts der Allgemeinheit gut verkaufen können um sich und die gute Sache in ein rechtes Licht zu rücken!
    Das ist mit dieser Geschichte (Erhaltung und Erneuerung von Gleisen und Gleisanlagen) recht gut gelungen!

    Freundliche Grüße – Johann Caletka

  • Was hier in diesem Bericht dargestellt wird zeigt von hervorragendem Können österreichischer Fachkräfte.Ein großes Lob an sie Wiener Verkehrsbetriebe und Ihre Spezialisten.Es wäre schon sehr interessant diese Vorgänge der Fertigstellung einmal zu besichtigen.

  • Ich finde es bewundernswert, wieviel Arbeit beim Gleistausch anfällt. Ich habe aber eine Frage: Was geschieht mit den alten Gleisen? Werden diese eingeschmolzen, z, B. Bei der VÖEST, oder werden diese – auf welche Art auch immer „runderneuert“?

  • Hinterlassen Sie uns einen Kommentar!

    Tragen Sie Ihre Daten unten ein oder klicken Sie ein Icon um sich einzuloggen.

    Unser nächster Artikel
    Rad eines Niederflurwagen ULF

    Job: innovativ sein

    9 Dezember 2016