Die Arbeiten auf der U4 gehen zügig voran

Schwerarbeit im Akkord – 800 Hände im Einsatz

Wer dieser Tage bei der Trasse der U4 vorbeischaut, kann Akkordarbeit live erleben. Nur ein paar Monate haben die Wiener Linien für die Modernisierung. Wir haben uns vor Ort angesehen, wie es läuft.

Ein guter Sommer, sagt Hans Hozank, ist trocken. Und nicht zu heiß. Weil Arbeiten unter sengender Sonne nicht „nur“ schwer, sondern unerträglich sein kann. Und irgendwann auch unzumutbar. Dann, sagt Hans Hozank, „kriegen wir ein Problem: Unser Zeitplan ist nämlich richtig ehrgeizig.“

Der 59-Jährige muss laut sprechen. Wenige Meter neben dem Kollaudierungs-Profi der Wiener Linien kratzt nämlich eine Baggerschaufel Schotter und Schutt vom Boden – und wuchtet ihre Fracht donnernd in die Ladewanne eines LKW. Der steht oben, auf der linken Spur der Wiener Westeinfahrt. Knapp vor dem Bezirksamt Hietzing. Kaum ist der Aufleger voll und der LKW weg, steht der nächste da. Der Bagger schaufelt. Unaufhörlich. Bei Tag und Nacht. Montag bis Sonntag. Feiertage inklusive. Hans Hozank ist sicher: „Wir schaffen das.“

Überblick über Bauarbeiten auf der U4-Trasse

Opfer der Elemente

Dort wo Hans Hozank steht, fünf, vielleicht sechs Meter unter dem Straßenniveau, fuhr vor ein paar Wochen noch die U-Bahn. Die U4. „Um ein Uhr früh haben wir am 30. April den Fahrstrom abgeschaltet“, sagt Christian Fürst. Denn nur wenn die gelbe Stromschiene, diese 750 Volt führende Lebensader der Wiener U-Bahn, spannungsfrei ist, können und dürfen Arbeiter ins Gleisbett.

Und dort, im Gleisbett zwischen Hietzing und Hütteldorf, sind insgesamt 400 Männer (und einige Frauen) im Einsatz: Fünfeinhalb Kilometer ­U-Bahn-Trasse gilt es zu sanieren. Von Grund auf: Über 120 Jahre war dieses „Backbone“, das Rückgrat des öffentlichen Nahverkehrs in den Westen Wiens, den Jahreszeiten, Wind und Wetter ausgesetzt. Über 120 Jahre lang fielen Regen und Schnee auf die unüberdachte Strecke. Eisige Winter, heiße Sommer, Sonne, Wind und Wasser: eine „Partie“, die hier 120 Jahre lang arbeitete – während alle paar Minuten tonnenschwere Züge über die Gleise bretterten. Zuerst die Dampfeisenbahn. Dann 
die Stadtbahn. Seit den 1980er Jahren die U4: Irgendwann kommt da der Augenblick, ab dem kleine Reparaturen, lokale Instandhaltungsarbeiten und stückweise Adaptionen nicht mehr reichen.

Dieser Augenblick ist jetzt. Und er dauert länger als ein Augenzwinkern. Daran, bedauert auch Michael Freidl, führe kein Weg vorbei. Man könne, erklärt der Bauprofi von der für Planung und Bau zuständigen Abteilung der Wiener Linien, die Renovierungsarbeiten im alten, vom legendären Wiener Stadtbaumeister Otto Wagner errichteten „Trog“ der U4 mit einer Weisheitszahnoperation vergleichen: Irgendwann muss das Ding raus. Das ist unangenehm – egal wie gut, schnell und vorsichtig der Zahnarzt arbeitet.

Der „Operationsplan“ der U4-Strecke ist einer Zahn-OP nicht unähnlich: Zuerst wird stillgelegt. Dann – derzeit – das alte Material abgebaut. Dann wird ausgeschabt. Und dann erneuert. Konkret bedeutet das, dass zunächst der Gleiskörper entfernt wird: Dafür werden die Schienen auf knapp 6 Meter Länge zurechtgeschnitten und mitsamt den Schwellen, als sogenannte „Gleisrahmen“ (ähnlich Schienenstücken bei Modelleisenbahnen), abtransportiert. Diese Segmente werden nach Auhof transportiert und dort zerlegt: Die Schwellen – insgesamt 12.000 Stück – werden wenn möglich wiederverwendet. Die Schienen – über 16 Kilometer, mit einem Gewicht von 50 Kilo pro Meter – landen im Hochofen.

U4-Bauarbeiter entfernen die Gleise auf der U4 zwischen Hütteldorf und Hietzing

Rundumsanierung

Dann geht es an den Unterbau. Den Gleisschotter. 40 Zentimeter hoch liegt der auf der gesamten Strecke. Insgesamt müssen über 40.000 m3 per LKW abtransportiert werden: Ohne Einschränkungen für den Individualverkehr geht das nicht – aber sogar die Autofahrerorganisationen attestieren den Wiener Linien, die optimalsten und verträglichsten Lösungen gefunden zu haben. Stichwort Zahnarzt: Es muss halt sein.

Unter dem Schotter? Boden. Was halt da war. Planiert. „Das hat seit 120 Jahren keiner gesehen“, sagt Freidl, „das ist Archäologie.“ Nun aber wird auch dieser Unterboden getauscht. Verdichtet. Bekommt eine Asphaltdecke. Dann kommt neuer Gleisschotter. Und dann die Schienen: Der Wiedereinbau beginnt am 21. Juni. Freilich: Das ist das Grobe – aber längst nicht alles. Denn wenn man schon eine Großbaustelle hat, macht man gleich Nägel mit Köpfen. Also erneuern die Wiener Linien alle elektrischen Anlagen. Sanieren und erneuern Bahnsteigkanten. Bringen Sicherheits- und Signaltechnik auf den modernsten Stand. Modernisieren Betriebsräume. Und so weiter und so fort.

Arbeiten während der U4-Modernisierung in den Stationen und am Bahnsteig

Es musste sein

Das Projekt heißt nicht ohne Grund „NEU4“ – denn es betrifft die gesamte U4-Strecke. Doch im Gegensatz zum unvermeidlichen Stillstand zwischen Hütteldorf und (ab 2. Juli sogar) Schönbrunn auf der großen „Open Air“-Teilstrecke sind die Einschränkungen in den übrigen Streckenbereichen teilweise weniger zu spüren. Und das, obwohl binnen zehn Jahren 335 Millionen Euro investiert werden: „Das“, sagt Michael Freidl, „soll die U4 
für die nächsten Jahrzehnte fit machen.“

Doch bei allem Stolz auf das, was die 400 da im Wiental gerade schaffen, hat die Sache doch einen Haken: Wirklich merken wird das, sobald die U4 wieder fährt, nämlich keiner. „Sicher: Die Züge werden ruhiger fahren. Wenn es technische Pannen gibt, wird es – weil wir mehr Ausweichstellen einbauen – rascher weitergehen und die Zuverlässigkeit der Linie wird sich erhöhen“, erklärt Freidl.

Doch auch da passt der Vergleich mit dem Zahnarzt und der Wurzel-OP: Die Operation ist nicht lustig. Nachher ist man zwar beschwerdefrei – aber niemand sieht, dass etwas getan wurde. Nur eines ist klar: Es musste sein – und jetzt hat man es hinter sich.  

 

Text: Thomas Rottenberg
Bilder: Stefan Diesner und Johannes Zinner
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Kommentare (1)

  • Tolles Projekt, und schön zu sehen, dass so hart daran gearbeitet wird. Ich bin mir sicher, dass alle Verantwortlichen eine gute Arbeit leisten und ihr Bestes geben, damit alles pünktlich und zuverlässig fertig wird.

    Viel Erfolg weiterhin!

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