Linie 31

Vom Zentrum in die Peripherie

Eine Linie mit Geschichte. Die Linie 31, oder noch besser die Endstation Stammersdorf, kennen viele nur vom Hörensagen. Welche Perlen auf der Strecke verteilt zu finden sind und wie der legendäre „Amerikaner“ ins Bild passt, wollen wir hier ein wenig näher erforschen.

Grundsätzlich gilt: Wer dem regen Treiben der inneren Stadt entkommen will, steigt am besten in die Linie 31. Ob Kipferl-Mampfen am Gaußplatz, Entspannen im Wasserpark oder Einkehr in einen der unzähligen Stammersdorfer Heurigen – der 31er hat auf insgesamt 11 Streckenkilometern so manchen Stadtflüchtigen etwas zu bieten.

Von der Dampftramway zum „Amerikaner“

Aber auch was den Blick in die Vergangenheit betrifft, gibt die Linie 31 einiges her. Immerhin verlief bis 1922 Wiens zweite Dampfstraßenbahnstrecke von der Stephaniebrücke (heute: Salztorbrücke) aus nach Stammersdorf. Die Dampftramway und ihre vergleichsweise breiten Gleise kamen auch dem Einsatz der Type Z oder „Amerikaner", wie sie volkstümlich genannt wurden, zu gute. Bedingt durch die Zerstörung während des zweiten Weltkrieges kam es nach Kriegsende zu Engpässen in der Straßenbahnflotte. Um diese Engpässe auszugleichen, wurden im Rahmen des Marshallplans im Jahr 1948 die später im Volksmund so genannten „Amerikaner" angeschafft, Straßenbahnwagen aus New York. Die größere Wagenbreite der Type Z erwies sich jedoch als problematisch für die engen Wiener Gleise, weswegen sie ausschließlich auf den Strecken der ehemaligen Dampftramway zum Einsatz kamen.

Für damalige Wiener Verhältnisse waren die „Amerikaner" ausgesprochen modern ausgestattet. Neben automatisch einklappbaren Einstiegen bot auch die größere Wagenbreite dementsprechend mehr Komfort. Die druckluftbetriebenen Wagentüren der Type Z waren erstmalig elektrisch vom Fahrersitz aus bedienbar. Besonders interessant: Der „Amerikaner" besaß umklappbare Rückenlehnen. Am Ende der Fahrt ging der Schaffner von hinten nach vorne durch das Fahrzeug, um die Lehnen der gepolsterten Zweierbänke in Fahrtrichtung zu klappen. 
Tipp: Wer den „Amerikaner" aus nächster Nähe bestaunen möchte, kann dies im Verkehrsmuseum Remise  tun.

Unterwegs nach Stammersdorf

Los geht's am Schottenring. Lässt man hier den Blick schweifen, sticht einem vermutlich der Ringturm ins Auge. Mit seinen 23 Stockwerken und dem 20 Meter hohen Wetterleuchtturm auf der Spitze, kommt er auf eine stattliche Gesamthöhe von 93 Metern. Damit ist der Mitte der 1950er Jahre erbaute Bürokomplex das höchste Gebäude der Ringstraße. Einige Haltestellen später erreicht man den Gaußplatz, der besonders durch seine einzigartige Infrastruktur besticht. Acht Straßenzüge münden sternförmig in den kreisrunden Platz ein, der übrigens von 1868 bis 1919 Mathildenplatz hieß.

Wir beginnen unsere Entdeckungstour bei der Station Schottenring. Von dort aus macht sich die Linie 31 auf den Weg nach Stammersdorf.
Wir beginnen unsere Entdeckungstour bei der Station Schottenring. Von dort aus macht sich die Linie 31 auf den Weg nach Stammersdorf.

Nicht nur unter Nachteulen geläufig ist dafür die täglich 24 Stunden geöffnete Bäckerei direkt am Gaußplatz bei der Ecke Jägerstraße. In den 1920er Jahren befand sich dort, wo jetzt rund um die Uhr Semmeln und Kipferln gebacken werden, noch das so genannte „Mathilden-Kino".

Der wenige Schritte entfernt gelegene Augarten ist unser nächster Halt. Von weitem schon ist einer der beiden Flaktürme zu sehen. Ebenfalls berühmt ist der Augarten für das Augartenpalais, dem Sitz der Wiener Sängerknaben und das eigens nach ihm benannte, traditionsreiche Porzellan der Porzellanmanufaktur Augarten Wien, die ihre Produktionsstätte seit der Wiedereröffnung im Jahr 1923 im Schloss Augarten hat.

Der Gefechtsturm ist der höchste aller Flaktürme Wiens und der einzige, der nach dem Krieg schwer beschädigt wurde.
Der Gefechtsturm ist der höchste aller Flaktürme Wiens und der einzige, der nach dem Krieg schwer beschädigt wurde.

Geschichtsträchtig geht es weiter bei der Haltestelle Friedrich-Engels-Platz, denn dort befindet sich der mit 1.467 Wohneinheiten zweitgrößte Gemeindebau Wiens, der Friedrich-Engels-Platz-Hof. Der nach dem Politiker Friedrich Engels benannte und Mitte der 1930er Jahre erbaute Gemeindebau erinnert in seinem Stil entfernt an die Werke von Otto Wagner. Dies scheint auch nicht verwunderlich, denn mit Rudolf Perco war auch ein Schüler Wagners an der Architektur beteiligt. Alle wesentlichen Bestandteile damaliger kommunaler Wohnbauten des roten Wiens der Zwischenkriegszeit wie Kindergärten, Waschküchen oder Ambulatorien waren auch im Friedrich-Engels-Platz-Hof quasi unter einem Dach vereint. Heute steht der Komplex unter Denkmalschutz.

Blick in den Friedrich-Engels-Hof. Die Sonnenembleme auf den Balkonen erinnern an Stilmittel Otto Wagners.
Blick in den Friedrich-Engels-Platz-Hof. Die Sonnenembleme auf den Balkonen erinnern an Stilmittel Otto Wagners.

Bevor er nach „Transdanubien" – so werden die Außenbezirke auf der anderen Seite der Donau im Wiener Volksmund gerne genannt – abtaucht, quert der 31er noch die Floridsdorfer Brücke, die vielen Donauinselfest-Besuchern als direkter Zugang zur Insel ein Begriff ist. Dabei passieren wir das am linken Ufer der Donauinsel liegende Bertha-von-Suttner-Gymnasium, ein Konstrukt aus zwei aneinandergekoppelten Schiffen, die permanent auf der Donau befestigt sind. Das umgangssprachlich als „Schulschiff" bezeichnete Gymnasium entstand Anfang der 1990er Jahre aus der Idee, in Anlehnung an bereits ausgeführte Hotelschiffe ein Schulhaus in Form eines Schiffes zu planen.

Jenseits der Donau

Ist man auf der Suche nach Entspannung, lohnt sich bei passendem Wetter ein Abstecher in den Floridsdorfer Wasserpark. Der Name ist hier Programm, denn der 1929 fertiggestellte Park besteht zu einem Drittel aus Wasser. Über den Hubertusdamm sickert laufend Donauwasser ein, wodurch ein Zufrieren des Gewässers im Winter verhindert wird. So entsteht ein natürliches Winterquartier für Stockenten, Möwen, Blesshühner, Schwäne und manchmal sogar Graureiher. Damit wird ein Besuch des Wasserparks auch im Winter zu einem Erlebnis.

Geschichtlicher Brennpunkt

Einen Ausstieg wert ist auch der Floridsdorfer Markt, der einzige Markt in Floridsdorf und damit Nahversorger-Drehscheibe. Im Volksmund ist der Floridsdorfer Markt besser als Schlingermarkt bekannt. Diesen Namen verdankt er seiner unmittelbaren Nähe zu einem weiteren bekannten Wiener Gemeindebau, dem Schlingerhof. Historische Bedeutung erlangten sowohl Gemeindebau als auch Markt durch ihre Rolle als Brennpunkte der Februarerkämpfe im Bürgerkriegsjahr 1934. Am 12. Februar 1934 kam es im Schlingerhof zu einem Zusammenstoß zwischen dem sozialistischen Schutzbund und Bundesheer sowie Polizei. Mitglieder des Schutzbundes sperrten die Brünner Straße ab und verbarrikadierten sich in der Wohnanlage. Die Barrikaden hielten den Panzern des Heeres jedoch nicht lange stand und so fiel die Besetzung des Schlingerhofs unter Artilleriebeschuss bereits einen Tag später. Eine Gedenktafel am Eingang zum Wohnbau erinnert an die Ereignisse.

Heute beherbergt der Schlingermarkt neben einem gut sortierten Angebot an Lebensmittelhändlern unter anderem einen Second-Hand-Laden, ein Blumengeschäft und einen Esoterik-Shop. Freitags und Samstags gibt es zusätzlich einen großen Bauernmarkt. Als „neuer 21. Bezirk" ist Floridsdorf übrigens erst seit Jänner 1905 Teil der Stadt Wien.

Raus aus der Stadt – oder doch nicht?

Bei der Einfahrt in die Endstation der Linie 31 beschleicht einen langsam das Gefühl, die Stadt weit hinter sich gelassen zu haben. Das am Hang des Bisambergs gelegene Stammersdorf nennt sich schließlich nicht umsonst „das Dorf in der Stadt" – niedrige Häuser, Weinschenken und Heurige prägen das malerische Ortsbild. Ehemals eine niederösterreichische Ortschaft, erfolgte die Eingemeindung Stammersdorfs in den 21. Wiener Gemeindebezirk erst im Jahr 1938 und auch dies war kein leichtes Unterfangen. Nicht weniger als sechs vorige Anträge der Marktgemeinde Stammersdorf auf Eingemeindung wurden vom Land Niederösterreich abgelehnt.

Hier sieht man einen „Amerikaner“ an der Endstelle Stammersdorf im Jahr 1963.
Hier sieht man einen „Amerikaner“ an der Endstelle Stammersdorf im Jahr 1963.

Die Endstation der Linie 31 am Bahnhofplatz bildete damals wie heute den Knotenpunkt lokaler öffentlicher Verkehrsmittel in Stammersdorf. Schlendert man weiter in Richtung Ortskern passiert man bald die ersten Heurigen und rund 150 Jahre alte Häuser, die die „maurische Siedlung" bilden. Stammersdorf und seine Heurige eint eine traditionsreiche Verbindung, denn 1784 wurde von Kaiser Josef II den Stammersdorfern das Privileg selbst erzeugten Wein selbst ausschenken zu dürfen erneuert. Der ausgesteckte Föhrenbuschen unterscheidet dabei die Wiener Heurigen von einem normalen Gastwerbebetrieb.

Wir beenden damit unsere Erkundungstour und kehren noch in einen der vielen Familienbetriebe ein, bevor wir uns auf den Heimweg machen. Immerhin sind wir ja in nicht einmal 40 Minuten zurück im Herzen der pulsierenden Stadt.

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Kommentare (4)

  • Der Friedrich-Engels-Hof befindet sich in Simmering, der Gemeindebau heißt „Wohnhausanlage Friedrich-Engels-Platz“. Ich hoffe, der Rest des Beitrags ist besser recherchiert.

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