Den Einsatzwagen lenkt Clemens Posner. Mit den Kollegen funkt Johanna Wiesholzer unter dem Codenamen "Ludwig 1".

„In der Krise muss man Ruhe bewahren“

Johanna Wiesholzer ist als Einsatzleiterin der Wiener Linien gefragt, wenn im Netz eine größere Störung auftritt.

„Heute ist es sehr ruhig“, sagt Johanna Wiesholzer an diesem Freitagvormittag zur Begrüßung und bietet Kaffee an. Seit sieben in der Früh sitzt sie in ihrem Büro im zweiten Stock des Wiener-Linien-Zentrums in Erdberg, über ein internes Informationssystem laufen im Minutentakt Störungsmeldungen über ihren Bildschirm. Ein Zug der Linie 41 ist von einem Auto blockiert worden, auf der Linie 9 wurde eine klemmende Weiche gemeldet. „Alles nur Kleinigkeiten, die schnell behoben sind“, befindet Wiesholzer. Kein Grund für sie zum Ausrücken.

Wenn im Netz der Wiener Linien eine große Störung vorliegt, wird der Einsatzleiter gerufen. Heute ist das Johanna Wiesholzer.
Wenn im Netz der Wiener Linien eine große Störung vorliegt, wird der Einsatzleiter gerufen. Heute ist das Johanna Wiesholzer.

Als stellvertretende Leiterin der Abteilung Einsatz- und Störungsmanagement kennt Wiesholzer die Abläufe in solchen Fällen genau. Über Funk gehen die Störungsmeldungen der Fahrer bei ihren Mitarbeitern in der Leitstelle ein, von dort aus wird der passende technische „Gebrechensdienst“, wie man im Wiener-Linien-Jargon sagt, entsandt, außerdem wird jedes Gespräch, jeder Arbeitsschritt protokolliert. Die Kollegen in der Fahrgastinformation teilen über Durchsagen und Anzeigen den Grund für ein verlängertes Intervall, eine Kurzführung oder Umleitung mit. „Im besten Fall“, sagt Wiesholzer, „bekommen die Fahrgäste von einer Störung nichts mit. Es ist immer schnell jemand vor Ort.“

„Dass jemand drauf schaut.“

An der Wand gegenüber von Wiesholzers Schreibtisch hängt der Gesamtnetzplan der Wiener Linien. Ob sie alle U-Bahn-, Straßenbahn- und Busstationen darauf kenne?„Selbstverständlich“, sagt Wiesholzer, „das war Teil meiner Ausbildung.“ In einem einjährigen theoretischen und praktischen Lehrgang hat sie sich zur Einsatzleiterin fortbilden lassen. Eine Funktion, die historisch gewachsen sei, sagt sie. Bis in die 90er Jahre sprach man noch vom Bereitschaftsingenieur, der als verlängerter Arm des Betriebsleiters im Falle einer größeren Störung verstanden wurde. Dass Wiesholzer selbst studierte Ingenieurin ist, sei in diesem Zusammenhang aber Zufall: „Das ist keine Voraussetzung mehr.“

In der Leitstelle in Erdberg kommen die Funksprüche von Fahrern an, die eine Störung auf ihrer Strecke melden.
In der Leitstelle in Erdberg kommen die Funksprüche von Fahrern an, die eine Störung auf ihrer Strecke melden.

Fachspezifische technische Kenntnisse seien aber ebenso ein Modul der Ausbildung wie die Straßenbahnfahrberechtigung und der Autobusführerschein. Wiesholzer hat außerdem gelernt, wie man eine U-Bahn fährt. Mit ihr gibt es bei den Wiener Linien 15 Einsatzleiter, die im Turnus 24-Stunden-Bereitschaftsdienste schieben. „Gerufen werden wir Einsatzleiter bei Unfällen mit hohen Sach- und schweren Personenschäden“, sagt Wiesholzer, „oder wenn es, zum Beispiel durch einen Wasserrohrbruch, zu einem großräumigen Betriebsausfall kommt.“ Immer dann, fasst sie zusammen, wenn es sinnvoll sei, dass jemand die Koordination der internen und externen Einsatzkräfte vor Ort übernehme, „dass jemand drauf schaut“.

Ihr Fahrer wartet mit einem der beiden Einsatzwagen, die mit Blaulicht ausgestattet sind, in der Tiefgarage auf Wiesholzer.
Ihr Fahrer wartet mit einem der beiden Einsatzwagen, die mit Blaulicht ausgestattet sind, in der Tiefgarage auf Wiesholzer.

„Nebel und Sprühregen sind ganz schlecht“

Wie oft das passiere? „Manchmal schläft man die Nacht durch“, sagt Wiesholzer, „manchmal schläft man gar nicht.“ Das hänge nicht nur mit der Stärke des Individualverkehrs, sondern auch mit dem Wetter zusammen. „Nebel und Sprühregen sind ganz schlecht“, sagt Wiesholzer, „da passiert meistens etwas.“

Am Störungsort gehe es ihr um ein umfassendes Bild der Lage und um gute Kommunikation untereinander. „Spekulationen über einen Unfallhergang sind tabu, ich befrage die Beteiligten einzeln.“ Was von ihr in einer Störungssituation besonders gefordert sei: Ruhe zu bewahren. „Ich darf mich grundsätzlich nicht stressen lassen“, sagt Wiesholzer. „Ein Einsatzleiter muss auch wirklich nicht überall dabei sein.“

Quelle: VORMagazin. Text: Mareike Boysen, Fotos: Stefan Joham

 

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