Heiß-Kalt in den Öffis

Etwa seit Beginn dieses Jahrtausends haben alle neu angeschafften Fahrzeuge der Wiener Linien modernste Klimaanlagen am Dach.

Die Technik ist anspruchsvoll und ausgetüftelt – aber die Frage nach der „perfekten“ Temperatur lässt sich auch mit modernster Klima-High-Tech nicht endgültig beantworten: Weil „angenehm“ für jeden anders ist.

Die Klimaanlage, bei der es nie Streit gibt? Alexander Facco lacht – und zeigt in eine der Bim-Montagebuchten: „Das schafft wohl nur diese Straßenbahn hier.“ Dabei grinst der Techniker fröhlich. Denn die Oldtimer-Tram die hier, in der Hauptwerkstätte der Wiener Linien in Wien Simmering, gerade auf der Hebebühne steht, ist das Gegenteil von dem, was Fahrgäste heute erwarten: Offene Plattformen, zugige Schiebefenster, Türen ohne Dichtung und der Fahrer stand draußen, im Freien. Schutzlos Fahrwind und Wetter ausgesetzt. „Da war halt nix, worüber man hätte diskutieren können,“ lacht Facco.

So sieht also die Klimaanlage der ULF-Straßenbahn aus.
So sieht also die Klimaanlage der ULF-Straßenbahn aus.

„Heute wäre das unzumutbar,“ weiß der 37-Jährige. Und trotzdem: Allen recht machen kann man es eben nie: „Nur eines ist unumstritten: Die 'richtige' Temperatur gibt es nicht. Nicht nur bei uns – das ist ja in jedem Büro und auch auf der Autofahrt in den Urlaub ewiges Thema.“

Trotzdem versuchen Alexander Facco und seine sechs Klimaspezialisten dem unerreichbaren Ideal zumindest nahe zu kommen: Facco und sein Team betreuen die Klimaanlagen im (Schienen)-Fuhrpark der Wiener Linien. Aber: Nein, man kann den Techniker nicht anrufen und für die Fahrt vom Jonasreindl nach Gersthof am Montag um 17:32 Uhr die persönliche Wunschtemperatur bestellen. Obwohl das sicher lustig wäre. „Die Soll-Temperatur im Inneren unsere Fahrzeuge beträgt 22 Grad“, erklärt der Techniker, „nur: die zu erreichen und dann auch zu halten ist schwer. Das hängt von 1000 Faktoren ab.“ Und: Der Unterschied zur Außentemperatur soll maximal 5 Grad betragen.

Denn das „richtige“ Klima in der Bim ist ein bisserl komplizierter zu erzeugen als im Büro, im Hotel – oder im PKW: Zum Einen, weil ein 35-Meter-ULF Wind, Sonne und Wetter andere „Angriffsflächen“ bieten, als (gut dämmbare) Hauswände, Fenster oder Autos. Zum Anderen, weil auch ein Reisebus nicht alle zwei Minuten stehen bleibt, alle Türen für eineinhalb Minuten aufreisst während ein paar hundert Menschen ein oder aussteigen: Ein Mensch, das nur nebenbei, hat eine Heizleistung von etwa 100 Watt. 100 Menschen, die im Sommer zur Stoßzeit in die ohnehin volle, von der Sonne seit Stunden auf ganzer Länge beschienenen Straßenbahn drängeln, wirken also … und so weiter

Da mit den Klimageräten, die seit den 2000er Jahren auf allen neu angeschafften ULFs, modernen U-Bahnen (den sogenannten V-Wägen) und Niederflurbussen auf den Dächern montiert sind, gegen zu steuern, weiß der Klima-Mann, „ist hochkomplex.“ Und mit den Aufgaben einfacher „privater“ Klimaanlagen kaum zu vergleichen: Jedes klimatisierte Öffi-Fahrzeug hat außen und innen etliche Sensoren. Diese Temperaturfühler vergleichen nonstop Innen- und Außentemperaturen – und geben die Daten an die am Dach montierten „HKL-Kombigeräte“ (HKL steht für „Heizen – Kühlen – Lüften“) weiter. Schon auf der „kurzen“ 24-Meter-Tram sind das drei massive Geräte – auf einem U-Bahn-Zug sitzen gleich 14 Stück. Und die Klimaanlagen tun dann – untereinander vernetzt – was Klimaanlagen eben tun. Freilich unter Bedachtnahme  darauf, ob da gerade mehr „Heizer“ (=Menschen) vorne oder hinten stehen.

„Natürlich brauchen diese Anlagen Energie“, räumt Facco ein. „Aber das ist weit weniger, als wenn alle im Auto im Stau stehen – und dort die Klimaanlagen laufen.“ Klimaanlagen in den Öffis, erklärt der Techniker, sind „heute 'Stand der Technik': Ohne geht es nicht mehr. Weltweit.“

Deshalb gilt in Wiens Öffi-Netz: Ältere Fahrzeuge (egal ob Bus, Bim oder U-Bahn) fahren noch „oben ohne“ – aber alles was neu in den Dienst gestellt wird, hat das Dach voll Klimatechnik. Um zu wissen, ob man „gekühlt“ fahren wird, muss man aber nicht aufs Dach steigen. „Bei den ULFs ist das ganz leicht: Die mit runden und innen stehenden Blinkern haben eine Klimaanlage – die anderen nicht.“

31 Prozent der Straßenbahnen, rund die Hälfte der U-Bahnen und über 90% der Busflotte ist bereits klimatisiert. Aber: Nachgerüstet  wird nicht. Aus Rentabilitäts- und Kostengründen. Und um Gewicht zu sparen: Die halbe Tonne Mehrgewicht würde die Dachkonstruktion nicht aushalten. Oder sie ginge auf Kosten des Platzes für die Fahrgäste.

Und weniger Kapazität lassen beim Kundendienst die Telefone heisslaufen. Dabei hat man dort gerade im Sommer ohnehin alle Hände (und Ohren) voll zu tun. Sobald es wärmer wird, geht das Jammern nämlich los: Herr X klagt, dass er im Bus „gegrillt“ wird – während Frau Y im gleichen Bus sitzt und zur gleichen Zeit behauptet, dass die Klimaanlage sie „schockgefriert“.

Klimatechniker Alexander Facco kennt das Lied. Und zeigt deshalb noch einmal auf die umklimatisierte 1950er-Nostalgiebim: „Die Alternative steht hier: Frau Y muss dann halt zwei Pullis anziehen. Und Herr X darf sich auf die offen Plattform stellen.“ Facco lacht: „In Wirklichkeit ist das keine Alternative – aber es allen recht zu machen ist schlicht und einfach unmöglich.“

Hier gehts direkt zum Video-Interview mit Alexander Facco:

Quelle: VORMagazin
 Text: Thomas Rottenberg
 Bilder: Ludwig Schedl
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Kommentare (1)

  • Der Beitrag über die Klima ist sehr gelungen und habe ich diesen mit Interesse gelesen! Stimmt, es allen Recht zu machen , ist eine wahre Kunst! Es freut mich, daß schon mehr als 90% der Busse klimatisiert sind, jedoch auf der Linie 66A tut sich da noch nicht wirklich was, wobei diese ja eine eher lange Streckenführung hat. Bin die letzten beiden Wochen sehr häufig u. mehrmals täglich damit unterwegs gewesen und hatte echt nur ein einziges Mal das Glück einen 66A mit Klima zu erwischen.
    Wie sieht es eigentlich mit dem 10A aus? Der hat ja eine noch viel längere Strecke zu bewältigen?
    Normal bin ich nicht so sehr eine Freundin von Klima, aber an Tagen wie sie oft die letzte Zeit waren und es 30 Krügel und mehr im Schatten hatte, da liebe ich sie, auch im eigenen Auto!
    Daß die Klima erst bei einer Außentemperatur von 25Grad aktiv wird, finde ich gut. In der Sonne hat es ja bald mal die 25 Grad…… die 22 Grad im Inneren sind fast ein wenig zu tief angesetzt, denn man wird ja mit der kühlen Luft – oft sehr stark – angeblasen. Und das ist ein großer Unterschied zu einer stehenden Luft, da fühlt sich das angenehm an.
    So sehr Wr. Linien um ein gutes Klima bemüht ist, funktioniert das in den für Wr.Linien fahrenden Dr. Richard Bussen leider ganz und gar nicht! Hier ist die Klima bei schon niedrigen oft nichtmal frühlingshaften Temperaturen von zB 12 Grad und nur wenig bis kaum Sonne aktiv. Und auch sicher kälter eingestellt als in WL Bussen. Auf die Bitte beim Fahrer, die Temp. viell doch 2 Grad höher zu stellen (vermutl. könnte man sie sogar mehr erhöhen, so kalt ist es da), heißt es immer, das geht nicht, ist vom Werk voreingestellt, Busse werden von Fabrik so geliefert. Naja, wer´s glaubt wird seelig! Vor allem bläst es dort sehr stark, sodaß Nacken und Schultern schnell beleidigt sind und leider zieht es auch ziemlich auf die unteren Körperregionen, mein Kreuz ist immer sehr kalt. Man braucht hier oft selbst im Sommer eine Jacke mit, am besten mit Kragen zum Aufstellen. Vielleicht auch eine Decke ums Kreuz. Vor einigen Wochen zB hatte ich lange Jeans an und darunter waren meine Beine dick bandagiert, sogar hier ging es saukalt durch. Bitte das ist nicht normal! Wobei ich normal eher eine „Hitzige“ bin !!! Mit Dr. Richard ist es mehr als unangenehm zu fahren, in jeder Hinsicht! Ich benutze diese Linien im RAum 13., 23., sehr oft und regelmäßig seit bald 18 Jahren!!!! Auch mit 51A gelegentlich.
    Leider wissen viele Leute nicht , wo sie sich beschweren können bzw. haben keine Zeit oder ist es ihnen zu mühselig, wie bei allem im Leben. Vor allem fahren hier sehr viel ältere und alte Leute, die halt alles lieber hinnehmen und leiden.

    Vielleicht kann WL hier doch etwas zum Positiven bewirken!
    Liebe Grüße!

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