Die Durchstarter: Neue MitarbeiterInnen im Portrait

Vier „Neue“ erzählen, warum sie zum Öffi-Unternehmen gewechselt sind und wie es ihnen gefällt.

Die Wiener Linien, die mehr als 8.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter beschäftigen, stellen auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten permanent Mitarbeiter ein.

Ali Ibis treffen wir im Schulungsraum des Betriebsbahnhofs Floridsdorf. Er ist seit genau elf Tagen bei den Wiener Linien angestellt. Sein Bruder, selbst Busfahrer, hat ihn auf die Idee gebracht, sich hier zu bewerben. „Ich war bei einer Lebensmittelkette als Filialleiter Stellvertreter angestellt und hatte dort keine Aufstiegschancen“, erklärt der 23-Jährige den Grund für seinen Wechsel. Hier rechnet er mit Entwicklungsmöglichkeiten.

Zunächst jedoch steht einmal die dreimonatige Ausbildung zum Straßenbahnfahrer an – theoretisch wie praktisch. Vor allem bei Letzterem kann es zu Überraschungen kommen. „Am Anfang habe ich das Lenkrad gesucht“, gesteht Ibis. Da war es ziemlich spannend, wie sehr sich ein schienengebundenes Fahrzeug hier unterscheidet: „Man fährt oft ziemlich knapp neben einem Strommasten oder einem geparkten Wagen vorbei!“ Bei seiner ersten Ausfahrt ging es gleich ordentlich ins Verkehrsgetümmel: raus aus der Remise Hernals und die 43er-Strecke in Richtung Schottentor. „Aber es ist alles gut gegangen“, erinnert sich Ibis. „Neben mir sitzt ja der Lehrfahrer und schaut darauf, dass ich das Richtige mache.“ Und der kann im Fall des Falles auch die „Lehrfahrer-Nottaste“ drücken.

Ali Ibis gefällt das Betriebsklima bei den Wiener Linien.
Ali Ibis gefällt das Betriebsklima bei den Wiener Linien.

Das Betriebsklima beschreibt der junge Mann, dessen Hobby Fußball ist, als durchwegs positiv: „Meine Kollegen in der Ausbildung halten immer zusammen. Jeder will, dass auch die anderen die Prüfung schaffen.“ Auch mit Chef und Lehrer fühlt er sich wohl: „Sie erklären gut, und wir dürfen fragen, was wir wollen.“ Letzteres ist eine Sache, auf die Ibis sich besonders freut: Fahrgästen später Auskunft geben zu können. Das Fahren macht ihm Spaß, und er will bei der Bim bleiben. „Bus ist stressiger“, meint er. Was der angehende Straßenbahnfahrer als wichtig in seinem Beruf ansieht: „Man muss Verantwortung übernehmen können, flexibel reagieren und pünktlich sein.“

Verantwortung übernehmen

Diese Eigenschaft nimmt auch seine Ausbildungskollegin Claudia Pop für sich in Anspruch: „Ich bin pünktlich, daher bin ich bei den Wiener Linien richtig.“ Die 30-Jährige ist ebenfalls seit knapp zwei Wochen „dabei“ und war zuvor in der Gastronomie tätig. Warum sie gewechselt hat? „In der Gastro will sich jeder verändern. Ich wollte eine Arbeit, wo ich gebraucht werde.“ An Selbstbewusstsein fehlt es der Umsteigerin nicht. „Ich habe mir sehr gut vorstellen können, dass ich an der Spitze eines Zuges gut aussehe“, sagt sie. In Gedanken habe sie schon eine Straßenbahn gefahren, lange bevor sie bei den Wiener Linien angestellt war. Und wie ist das Gefühl in der Wirklichkeit? „Toll!“

Claudia Pop wollte einen Job, in dem sie gebraucht wird.
Claudia Pop wollte einen Job, in dem sie gebraucht wird.

Am meisten macht ihr Spaß, wenn sie beschleunigt: „Ich bewege 40 Tonnen, das fühlt sich gut an.“ Die erlaubte Höchstgeschwindigkeit für die Straßenbahn beträgt 50 km/h, möglich wären 80. Wenig verwunderlich, dass die begeisterte Jung-Fahrerin in einem bestimmten Punkt noch dazulernen muss: „Beim Bremsen hab ich noch Probleme“, gesteht sie. Dafür ist ja die Ausbildung da. „Unser Chef ist sehr hartnäckig“, erzählt Pop. „Er gibt sich erst zufrieden, wenn ich alles verstanden habe.“ Aber natürlich freut sie sich schon auf ihre erste Ausfahrt ohne Lehrer. „Ich bin dem Bahnhof Favoriten zugeteilt und werde die Linien 1, 6, 18, 67, 71, D und O fahren“, weiß sie jetzt schon.

Was macht den Job, neben Pünktlichkeit und Freude am Fahren, noch aus? Man fühle sich für alle Fahrgäste verantwortlich, sagt Pop: „Die Leute verlassen sich ja auf mich.“ Dass der Dienst auch schon mal um vier Uhr morgens beginnen kann, stört sie nicht: „Ich habe keine Familie und auch keine Probleme damit, früh aufzustehen.“ Ob sie Bekannten zu dieser Arbeit raten würde? „Es ist sicherlich nicht jedermanns Sache“, überlegt sie. Man übernehme viel Verantwortung und müsse permanent konzentriert sein. „Ob’s passt, weiß man erst, wenn man mitten drin ist.“

Fairness

Weiter geht es in die Hauptwerkstätte in Simmering. Auf dem rund 26 Hektar großen Gelände bilden die Wiener Linien seit drei Jahren auch ihre Lehrlinge aus. Einer davon ist Patrik Hojus. Er absolviert hier seit Anfang September 2015 eine Ausbildung zum Elektro- und Energietechniker. „Vorher habe ich zwei Jahre bei einer Firma als Elektrikerlehrling am Bau gearbeitet“, erzählt der Zwanzigjährige, der in Bad Deutsch-Altenburg zu Hause ist.

Das Betriebsklima sei nicht angenehm gewesen, und auch finanziell sei es zu Unkorrektheiten gekommen: „Ich bekam im ersten Jahr die Entfernungszulage nicht bezahlt und musste mir auch die Sicherheitsschuhe selbst kaufen.“ Hojus verließ den Betrieb, verbrachte ein Jahr in der überbetrieblichen Lehrausbildung des AMS und wechselte schließlich zu den Wiener Linien. „Hier habe ich mich beworben, weil mir ein Bekannter erzählt hat, dass die Wiener Linien Elektriker ausbilden“, begründet er seinen Schritt. „Außerdem habe ich gehofft, hier besser behandelt zu werden.“

Techniklehrling Patrik Hojus freut sich darauf, direkt am Fahrzeug zu werken.
Techniklehrling Patrik Hojus freut sich darauf, direkt am Fahrzeug zu werken.

Beides sollte sich bewahrheiten. Von den dreieinhalb Jahren Lehrzeit werden ihm zwei Jahre aus seinen früheren Tätigkeiten angerechnet. Die Bezahlung erfolgt korrekt und auch mit den Kollegen und seinem Lehrlingsausbilder versteht sich Hojus gut. Dass das Unternehmen nicht nur die Kosten für die Sicherheitsschuhe trägt, ist hier selbstverständlich: Vom Arbeitsgewand über die Schutzbrille bis hin zur sogenannten Anstoßkappe – einem leichten Helm, der bei der Arbeit unter dem Fahrzeug Kopfverletzungen verhindert – wird die komplette Ausrüstung von den Wiener Linien gestellt.

Woran er gerade arbeite? „Ich zerlege Bremswiderstände. Diese waren bei den alten Straßenbahnen unten befestigt und sind beim ULF auf dem Dach angebracht“, weiß Hojus. Später wird der begeisterte Modellbauer in die Motorabteilung übersiedeln, wo zum Beispiel Kompressoren instand zu setzen sind. Wie alle Lehrlinge möchte der angehende Elektro- und Energietechniker allerdings am Fahrzeug selbst werken: „Da sieht man gleich, wofür die eigene Arbeit gut ist.“

Neue Chance für 50 Plus

Szenenwechsel in die Brigittenau. Wolfgang Zima hat gerade Pause und trinkt im Eissalon am Friedrich-Engels-Platz einen Mocca. Noch vor wenigen Minuten saß der stattliche 56-Jährige hinter dem Lenkrad des 11B. Der nunmehrige Busfahrer ist seit einem knappen Jahr bei den Wiener Linien. „Davor habe ich vierzig Jahre lang in der Finanzbranche zugebracht“, berichtet Zima, der während dieser Zeit auch ein Fachhochschulstudium erfolgreich absolviert hat. Doch irgendwann war die Luft draußen: „Ich wollte etwas ganz anderes machen.“ Er bewarb sich bei den Wiener Linien, „weil das ein für die Stadt Wien extrem wichtiger Betrieb ist“.

Zimas Wunscharbeitsplatz war der Fahrersitz des Busses. Im Sommer des Vorjahres ging es mit den ersten Überprüfungen los: Gesundheitscheck, Reaktionsverhalten, psychologische Tests. „Da kam ich manchmal ordentlich ins Schwitzen“, erinnert er sich. Nachdem diese Hürden genommen waren, wurde er von den Wiener Linien angestellt und nahm den D-Führerschein in Angriff. Auch kein leichtes Unterfangen, aber Anfang Februar dieses Jahres hielt Zima den „D95“, der das „Fahren mit Fahrgästen“ erlaubt, in Händen. Danach schlug ihm sein Chef vor, sich für die Position eines Teamleiters ausbilden zu lassen, was Zima besonders freut. Und eines streicht er heraus: „Dass man jemanden aufnimmt, der den Fünfziger schon hinter sich hat, ist dem Unternehmen hoch anzurechnen.“

Wolfgang Zima wollte raus aus dem Büro und bewarb sich als Busfahrer.
Wolfgang Zima wollte raus aus dem Büro und bewarb sich als Busfahrer.

Mittlerweile fährt Zima auf allen 22 Linien der Garage Leopoldau – obwohl er nur die Hälfte in seinem Programm haben müsste. Ob er Lieblingslinien hat? „Jede Strecke hat ihre Besonderheiten“, erwidert er diplomatisch. Und die Belastbarkeit muss groß sein. Da darf es keine Rolle spielen, ob gerade jemand einen Fahrschein kaufen will, gleichzeitig eine Gruppe Schulkinder lärmt und ein Autofahrer den Vorrang missachtet: „Das muss man aushalten“, sagt Zima. Und wenn er von einem Fahrgast „blöd angeredet“ wird? „Da bleibe ich höflich und bin auch dann ,per Sie‘, wenn ich geduzt werde“, antwortet er.

Was dem Vater von drei Töchtern besonders Freude bereitet, ist der Kontakt mit den Fahrgästen. „Vor allem in der Früh grüßen manche, einige verabschieden sich auch von mir“, sagt Zima. Andere kommen extra nach vorne, um sich für ein verspätetes Einsteigenlassen zu bedanken. „Man muss sich in dieser Arbeit als Dienstleister verstehen. Für einen ,Grantscherben‘ ist das sicherlich nicht der richtige Job“, gibt Zima eine knackige Arbeitsplatzbeschreibung. „Die Leute sind mir anvertraut, ich will ihnen die Fahrt so angenehm wie möglich machen und muss sie sicher an ihr Ziel bringen.“

Letzteres ist unter den herrschenden Bedingungen nicht immer einfach: Enge Gassen, Autofahrer, die es besonders eilig haben, unachtsame Fußgänger – es gibt genügend Gefahrenpotenzial für einen Wiener Buslenker. Er muss mögliche Abläufe im Verkehr vorausberechnen können wie ein Fußballtormann das Spielgeschehen. „Wir sollten manchmal acht Augen haben“, formuliert Zima die Anforderung bildhaft. Die meisten Risiken gingen von Autofahrern aus, denen unvorhersehbare Kapriolen einfielen.

Das Einzige, was gegenüber den meisten anderen Berufen wenig Spaß macht, ist das frühe Aufstehen. „Heute musste ich um halb drei Uhr morgens aus dem Bett“, erzählt Zima. Aber dieses Ungemach wird durch eine Reihe positiver Seiten aufgewogen: viel Kontakt mit anderen Menschen, kein Schreibtisch-Job, keine lästigen Sitzungen wie in der früheren Arbeit, eine gute Kameradschaft unter den Kollegen – und das Unternehmen Wiener Linien an und für sich: „Bestens aufgestellt, sehr gut organisiert und innovativ“, urteilt Zima. Und eine Besonderheit streicht der Mittfünfziger am Schluss nochmals hervor: „Das Alter ist sekundär. Es kommt darauf an, körperlich und geistig fit zu sein und gut mit Menschen umgehen zu können.“

Interessiert? Arbeiten bei den Wiener Linien

„Gerade der Fahrdienst ist eine ganz spezielle Tätigkeit“, sagt Wiener Linien-Geschäftsführerin Alexandra Reinagl. „Dafür suchen wir Menschen, denen wir zutrauen, die Kombination aus Schichtdienst, hoher Verantwortung und viel Kundenkontakt auch dauerhaft zu meistern.“ Garantiert keine Rolle spielen Alter oder Herkunft. Leistungsbewusstsein und Weltoffenheit sind wichtig, gute Sprachkenntnisse auch. Von Vorteil ist Erfahrung mit Kunden.

„Wir verlangen viel, können aber auch einiges zurückgeben: eine Tätigkeit mit Sinn“, so Reinagl. Besonders gut ist die Ausbildung. Angehende Fahrer trainieren wochenlang nicht nur den Normalbetrieb, sondern auch Ausnahmesituationen. Ab Jänner 2016 üben etwa angehende U-Bahn-Fahrer in einem eigenen, drei Millionen Euro teuren U-Bahn-Simulator. Hier können Situationen geübt werden, die im Echtbetrieb nicht möglich wären.

Wer bei den Wiener Linien beginnen möchte, sollte auf Ausschreibungen achten, die immer wieder auf wienerlinien.at/karriere veröffentlicht werden. Permanent suchen die Wiener Linien Buslenkerinnen und Buslenker – am liebsten mit schon vorhandenem D-Führerschein.

Text: Hans Paul Nosko, Fotos: Stefan Joham. Der Text erschien bereits in der Oktober-Ausgabe des „Wien Mobil“-Magazins.

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Kommentare (2)

  • Sehr geerte Damen und Herren,
    ich bedanke mich für Ihre informationen.
    Ich möchte als Straßenbahnfahrer bei der Wienelienier bewrben, aber ich finde dieses tail nicht.
    Bitte schreibst Sie mich,wie kann ich mich bewrben?
    Farhad arefian
    ffariba84@yahoo.com
    MFG

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